Tagesgedanke

Chefökonom Chuard-Keller (40) des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes spricht von ‚Lifestyle-Teilzeit‘. Er behauptet, über 50jährige ’sind schon im Arbeitsmarkt drin und könnten ihr Pensum wahrscheinlich von sich aus relativ einfach erhöhen‘.

Vielleicht sollte der Mann selbst sein Pensum erhöhen und nachdenken:

1

Warum wohl wollen Leute ihr Pensum nicht erhöhen? Etwa weil sie faul sind? Oder doch eher, weil sie achtsam sind und unter grossen Belastungen leiden? Jährlich wird die Zeit derer, die beim Arbeiten krank werden oder ein Burn-Out haben grösser. Da überlegt man sich schon, ob man 100 Prozent arbeiten will und sich zu Tode ackern soll. Es gibt also mehr Gründe für eine Senkung als für eine Erhöhung der Arbeitszeit.

2

Welche Anstrengungen unternehmen ArbeitgeberInnen, um ältere ArbeitnehmerInnen zu entlasten? Eben! Keine! ArbeiterInnen über 50 sind teuer. ‚Lasst sie also weniger arbeiten!‘, ist die Idee der Arbeitgeber. Nicht alle über 50 arbeiten gerne Teilzeit!

3

Viele Menschen über 50 übernehmen viele soziale Aufgaben: Verantwortung für EnkelInnen, für SeniorInnen, für ehrenamtliche Tätigkeiten. Man möchte der Gesellschaft ‚etwas zurückgeben‘.

4

Mit dem Neoliberalismus ab den 1990ern wurde die Arbeitswelt für ArbeitnehmerInnen strenger: Rationalisierung, Zertifizierung, Automation, Arbeit mit Computer und Roboter machen die Arbeitswelt nicht humaner. Ständige Neuerungen machen den Arbeiterinnen zu schaffen. Sie sehen sich fast jedes Jahr vor neuen Herausforderungen. Sie sind also nicht ’schon im Arbeitsmarkt drin‘.

5

Arbeitende sollen zum Teil während der Freizeit erreichbar sein (‚auf Abruf‘). Dies ist eine Verlagerung der Arbeit vom Arbeitsort zum Wohnort. ArbeiterInnen arbeiten also de facto mehr, als im Arbeitsvertrag festgelegt wurde. 

Wenn Herr Chuard-Keller etwas für Arbeitende tun will, damit sie 100 Prozent arbeiten wollen und können, müsste er angenehmere Arbeitsplätze schaffen. Und gerechtere Löhne.


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