Neues von Frau Wunderlich, Frühlingserwachen

Ich bin schon richtig kribblig, wie es mit Nicole weitergegangen ist. Wir haben im Café an der Strassenecke abgemacht. Aber sie verspätet sich. Ist schon seit gut zehn Minuten überfällig. Endlich kommt eine Frau. Wer könnte das sein? Sie trägt ein beiges Kleid, rote, hohe Stiefel und einen roten Regenmantel. Auf der Nase liegt eine Sonnenbrille auf. Und was ist das? Ein beiges Kopftuch! Ist das am Ende Nicole? Tatsächlich! 

„Guten Tag“

„Hallo Nicole. Du siehst so eigenartig aus, heute… Dieses Kopftuch!“

Sie seufzt. „Das wird eine lange Geschichte!“

„Hast du den Glauben gewechselt? Wirst du nun Muslimin?“

Sie winkt ab. 

„Das hat mit unserem letzten Treffen zu tun.“

„Du meinst, mit dem Arzt? Wie hiess er schon wieder? Der Nachbar heisst doch Jürgen…“

„Ja, ja. Aber auch mit dem Walter gibt es zuweilen Probleme!“

„Wie denn das? Ich dachte, er hat so weiche, warme Hände?“

„Das schon. Wenn es ums Untersuchen geht.“

Sie nimmt das Kopftuch ab, legt die Sonnenbrille auf den Tisch und zieht ihren Mantel aus. Dann setzt sie sich und schlägt die Beine schräg übereinander. Ihre Augen wirken müde.

„Mach’s nicht so spannend! Er hat dich doch zum Essen eingeladen.“

Wir bestellen einen Cappuccino. 

„Walter holte mich also ab. Letzten Montag, als die Sonne noch schien.“

„Und dann?“, dränge ich. Das Wetter kann doch kaum so wichtig sein.


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