Neues von Frau Wunderlich, Der neue Nachbar III

Nicole ist heute zu Besuch bei mir. Zum Kaffee. Mit Kuchen. Habe mich bemüht, einen gut getränkten Zitronen-Cake zu backen. Mit Glasur. Für Morgen sind Schneefälle vorhergesagt. Ich höre deshalb Nicole nicht so richtig zu. Bin am Überlegen: Wie könnte ich meinen Nachbarn dazu bewegen, unseren Vorplatz frei zu schaufeln? Denn mein Mann liegt im Spital. Hat übers Wochenende beim Skifahren sein Bein gebrochen. Ein komplizierter Bruch, er muss operiert werden, damit „alles wieder gut kommt“, wie sich der Chirurg ausdrückte. Ich stelle mir vor, wie ich verzweifelt versuche, mit der Schaufel den klebrigen Schnee auf einen Haufen zu werfen.

„…und ich könnte ja meinen neuen Nachbarn fragen“, seufzt Nicole.

„Was fragen?“

„Na eben. Ob er meine Ausfahrt freischaufeln könnte. Vom Carport bis zur Strasse.“

„Wie gehst du vor? Bietest du ihm eine Gegenleistung? Zum Beispiel Spitzbuben? Oder jammerst du ihm etwas vor?“

„Wo denkst du hin? Ich frage ihn einfach. Ob ER es machen möchte, oder ob ich besser den Hauswart bitten solle. Da sehe ich, woran ich bin. Wenn er freudig ‚ja‘ sagt, weiss ich, dass er es wegen mir macht und mich mag. Wenn er eine Gegenleistung haben möchte, bin ich ihm eventuell auch nicht egal. Wenn er aber sagt, der Abwart soll es tun, weiss ich, dass er nichts von mir will.“

„Du meinst, es ist DIE ultimative Frage?“

Sie grinst. „Könnte man eigentlich so formulieren. Natürlich mache ich mich vorher etwas zurecht, damit ihm die Entscheidung leichter fallen sollte…“

Guter Hinweis! Das könnte mir ja auch helfen. Ich zögere.

„Was ist?“

„Ich weiss nicht, ob bei mir deine Strategie auch funktionieren könnte. Ich will nämlich auch meinen Nachbarn dazu kriegen, dass er den Vorplatz leer räumt…“


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