Neues von Frau Wunderlich, Winterjacke 2

Ich habe jetzt fast etwas Mitleid mit Claudia. Das arme Ding wird ja schrecklich ausgenutzt.

„Hat sie denn schliesslich etwas gefunden?“

„Jaja, natürlich. Sie hat nicht auf mich hören wollen. Eine Winterjacke für 45 Euro! Ich bitte dich! Die kann ja auf keinen Fall halten, was sie verspricht!“

„Nicht?“ Ich schaue sie betont übertrieben erstaunt an.

Unsicher guckt sie zurück. „Ich meine: Der Reissverschluss ist nicht mit einer Leiste geschützt. Der zieht Regen und Schnee regelrecht an. Und da können bei diesem Preis ja auch keine Daunen verarbeitet worden sein. Höchstens alte Zeitungen…“

„Und deine Mutter? War sie zufrieden?“

Wieder zuckt sie zusammen. 

„Ihr hat halt die dunkelrosa Farbe gefallen. Und dass bei diesem Preis sogar eine Kaputze dabei war.“

„Oh. Dann seid ihr also wieder heimgefahren. Du weisst ja: Jeden Tag ’ne gute Tat…“

Claudia lächelt schwach. „Wir mussten ja noch schnell zum Zoll. Der Stempel für die Rückforderung von der Mehrwertssteuer…“

„Lohnt sich das denn? Ich meine: wegen 45 Euro?“

„Ha! Da kennst du die Uschi schlecht! Und wenn es nur einige Cents wären, die Uschi lässt alles abstempeln!“

Ich überlege. „Aber so schlimm war das ja jetzt gar nicht. Klar, du bist nach Deutschland gefahren. Aber…“

„…aber das war ja noch nicht alles“, fällt sie mir ins Wort. „Kaum war ich zu Hause, läutete das Telefon.“

„Sag schon, wer war es?“

„Na, schon wieder die Uschi. ‚Du‘, sagt sie, ‚wir müssen nochmals hin.‘ ‚Wohin?‘, frage ich blöd. ‚Nach Deutschland.’“

Ich schaue sie verständnislos an. „Warum denn? War etwas nicht in Ordnung mit der Jacke?“

Claudia seufzt. „Sie hätte das Wichtigste vergessen, meinte die Uschi.“

„Nämlich?“, frage ich etwas ungeduldig.

„Ein Schal, der zur Jacke passt. Sie habe nur einen roten und einen violetten…“

„Lass mich raten: Du bist noch einmal hingefahren?“


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