Strategien

Jemand klopfte an die Türe des Klassenzimmers. Der Lehrer öffnete den Mund. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, stürmte Alex zur Türe herein und rannte zu seinem Platz.

„Guten Tag auch, Alex“, sagte der Lehrer, übertrieben freundlich.

„Eh… guten Morgen… Herr Rechtsteiner…“ Er keuchte.

Gespannt blickte die Klasse auf den Lehrer. Schliesslich war es nicht das erste Mal, dass sich Alex verspätete. Bislang schwieg der Lehrer allerdings.

Alex bemerkte die unheimliche Stille.

„Ich… äh… habe mich heute… verschlafen.“

Rechtsteiner begann nun mit den Fingern auf seine Pultplatte zu trommeln. Er starrte seinen Schüler wortlos an.

„Äh… ist etwas?“

Der Lehrer seufzte. „Ich bin enttäuscht von dir, Alex.“

„Warum?“

„Von mir aus gesehen wählst du die falsche Strategie.“

Alex dachte nach, konnte sich aber nichts zusammenreimen. „Strategie?“

Rechtsteiner nickte. „Du hast mich richtig verstanden.“

Die Schülerinnen und Schüler sassen aufmerksam in ihren Bänken. Was wohl ihr Lehrer meinte?

„Wie oft bist du in letzter Zeit zu spät gekommen, Alex? Zum Beispiel diese Woche? Na?“

Alex zählte nach. Mit den Fingern. „Ich glaube, drei Mal.“

„Lass mich mal kurz überlegen: Das müssten also mehr als die Hälfte deiner Arbeitstage sein. Ihr hattet doch kürzlich Prozentrechnen, nicht wahr?“

Nicole streckte auf. „60 Prozent“, sagte sie, „also drei Fünftel.“

Rechtsteiner nickte. „Schön. Wenn du ausnahmsweise einmal zu spät dran bist, lieber Alex, dann renne nicht. Es ist die falsche Strategie. Weisst du warum?“

Der Schüler schüttelte den Kopf. 

„Weil es vermutlich keine Rolle spielt, ob du eine oder fünf Minuten zu spät bist. Gut, kann sein, dass nach 15 Minuten ein pflichtbewusster Lehrer – wie ich – deine Eltern anruft. Es kann ja auch durchaus vorkommen, dass man sich EIN Mal verschläft. Wenn du rennst, bist du weniger aufmerksam und riskierst einen Unfall.“

„Ich dachte halt, wenn ich renne, komme ich noch rechtzeitig, Herr Rechsteiner…“

„Zum dritten Mal diese Woche?“

„Hin und wieder kommen auch Lehrer zu spät“, wagte der Schüler zu widersprechen.

Rechtsteiner seufzte. „Erstens: Das ist ganz was anderes. Zweitens: In meinem ganzen Leben bin ich vielleicht fünf Mal zu spät gekommen. Davon vier Mal als Schüler. Drittens: Ein Lehrer hat meistens etwas Dringendes zu tun, wenn er zu spät kommt: Telefon, Kopierer flicken, Mail erledigen, …“

„…oder Kaffee trinken“, flüsterte Jussuf seinem Nachbarn zu.

„Das habe ich jetzt gehört, Jussuf“, Rechtsteiner grinste. „Du magst sogar Recht haben. Es ist doch wichtig, dass Lehrpersonen gut gelaunt zum Unterricht kommen, oder etwa nicht?“

Jussuf bekam rote Ohren.

„Zurück zur Strategie, Alex. Du kommst also daher gerannt, zum dritten Mal. Es ist nicht die beste Strategie, der Zeit hinterher zu rennen. Kennst du andere Strategien, oder brauchst du Hilfe von deinen Mitschülerinnen und Mitschülern?“

Zerknirscht flüsterte Alex: „Wecker…“

„Aha. Am besten ein Funkwecker, der die richtige Zeit von selbst erkennt. Sonst landest du womöglich wieder bei einer falschen Strategie.“

Alex schaute ihn fragend an.

„Na ja, wenn du den Wecker in der Folge als Ausrede brauchst… Andere Hilfen?“ Er sah in die Klasse.

„Schulsachen am Vorabend bereit stellen.“

„Hausaufgaben am Vortag machen.“

„Kürzesten Weg zur Schule planen.“

„Sich von jemandem rechtzeitig abholen lassen.“

„Gut, gut. Das reicht im Moment. Fabrizio? Du hast nicht zufällig notiert, wie viel Zeit wir für diese Diskussion gebraucht haben?“

„Etwa zehn Minuten, Herr Rechtsteiner.“

„Schön. Entschuldigung, natürlich nicht schön. Jedoch Folgendes: Alex wird am Mittag zehn Minuten länger bleiben und mir beim Aufräumen helfen… Weiter geht es mit unserer Lektüre ‚Crash‘. Wie heisst die Autorin, und wer kann mir eine kurze Zusammenfassung liefern?“


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