Claudia seufzt. «Nach der Ernährung kam der Körper. Täglich jagte sie den Vater auf einen «Spaziergang»: Mindestens 10’000 Schritte forderte sie. Und weil das Wandern in immer derselben Umgebung langweilig ist, lösten sie beide zum Halbtax ein Halbtax-Plus.»
«Jetzt haben wir also Essen und Sport. Das füllt ja noch keinen ganzen Tag», sage ich vorsichtig.
«Richtig. Und deshalb hat die Uschi plötzlich mindestens vier Rätselhefte pro Woche gekauft.»
«Aha. Brain-Food, sozusagen. Warum nennst du eigentlich deine Mutter Uschi?»
«Halt weil sie sich sonst so alt vorkommt, sagt sie. Sie sei ja kaum 60, und sechzig sei das neue 40. Nächstens meint sie, ich sei ihre ältere Schwester.»
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. So, wie sie sich kleidet, und die Menge Medikamente, die sie schluckt und einreibt… Da könnte man schon denken, dass sie über 60 ist, und nicht knapp 40.
«Sag mal», will ich wissen, «machst du denn da auch mit? Ich meine Essen ohne Kohlenhydrate, Alkoholverzicht, Spazier… – ich meine Wanderungen – und Rätselraten?»
Sie drückt sich vor einer konkreten Antwort. «Nur, wenn mich die Uschi kontrolliert…»
«Wasss? Sie prüft nach, ob du dich an ihre Regeln hältst?»
«Na ja, nicht jeden Tag… Aber vor einem Jahr ist es noch schlimmer geworden.»
«Was denn? Die Kontrollen?»
«Nein, nein. Aber seit zwölf Monaten schleppt Uschi meinen Vater zum Tanz-Unterricht. Das halte das Gehirn jung. Und donnerstags muss er mit in die Yoga-Stunden. Das hält Körper und Geist zusammen. Behauptet Uschi.»
«Und das macht dein Vater einfach so mit?»
«Muss er fast. Uschi droht ihm, sie käme ihn sonst nicht besuchen, wenn er einst im Dementen-Heim läge.»
Wieder kann ich ein Lächeln nicht verbeissen.
«Was grinst du so blöd?»
«Habe mir gerade überlegt, ob dein Vater deine Mutter noch kennen wird, wenn er dement geworden ist.»
«Das ist nicht lustig!»
«Entschuldige.»
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