Ich sitze im Zug. Und wer kommt ausgerechnet in mein Abteil? Natürlich Gerda! Sie setzt sich – ohne zu fragen – in mein Abteil. Ich kann sie nicht einmal richtig begrüssen, das fängt sie schon an.
«Vorhin habe ich auf dem Bahnsteig 4 gewartet. Da kommen doch vom Güterschuppen her sechs Arbeiter. Sie überqueren im Gänseschritt zwei Geleise.»
«Ist ja für Bahnarbeiter nicht verboten», werfe ich ein. Gerda beachtet mich aber nicht.
«Wahrscheinlich kamen die vom Mittagessen. Nun kehrten sie an ihre Arbeitsstelle zurück. Einer steht also ein Perron weiter und bedient dort eine riesige Kabelrolle. Unter den Gleisen durch muss da ein Kanal zu unserem Perron führen. Auf der anderen Seite zog nämlich einer am Kabel und einer läuft mit dem Ende zum Perron-Abschluss. Bleiben also noch drei Typen.»
Die Rechnerei von Gerda belustigt mich. «Mensch, Gerda, du hast ja richtig gut aufgepasst in der Schule!»
Sie schaut mich irritiert an, fährt aber weiter.
«Der älteste von denen hat sich etwas abgedreht und steckte sich eine Zigarette in Brand. Die zwei jüngeren haben die Hände in die Hosensäcke gegraben. Es weht ja heute doch ein kühler Wind. Gelangweilt schauten sie den Passagieren nach. Vorzugsweise den Frauen jüngeren Alters. Am liebsten solchen mit kurzen Röcken und hohen Absätzen.»
«Da hast du ja etwas wahnsinnig Interessantes beobachtet.»
«Dann schrie der Mann am Ende des Bahnsteigs – wahrscheinlich der Chef – etwas. Der Raucher spickte den Zigarettenstummel ins Schotterbett. Die zwei Beobachter wandten sich ab und schlurften gelangweilt zu ihm.»
«Warum erzählst du mir das eigentlich alles, Gerda?»
«Na, weil du nicht da warst. Musste mich ja irgendwie ohne dich unterhalten.»
«Und was ist darauf passiert?»
«Dann fuhr der Zug ein. Ich bin eingestiegen. Und jetzt habe ich dich ja endlich gefunden.»
Dabei hatte ich mich doch so gut hinter dem Wartehäuschen versteckt!
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