Neues von Frau Wunderlich, Weihnachten 3

«Wie gesagt: Ich schreibe ja keine Karten… Also, Gerda…» Ich ergreife meine Einkaufstasche, die ich neben mich gestellt habe. 

Sie reagiert nicht auf meine Signale zum Aufbruch. Ich muss unbedingt deutlicher werden. Doch wie, wenn sie gegen nonverbale Kommunikation immun ist?

«Aber sammelt nicht ein Sohn von dir Briefmarken?»

Nicht noch ein neues Thema! Wenn ich wenigstens etwas Neues von ihr erfahren würde! Aber ich glaube, sie hat mir das alles schon vor einem Jahr erzählt. Oder letzte Woche? Meine an die Schulter gehängte Einkäufe werden langsam schwer. Ich schüttle den Kopf. «Bis dann, Gerda.»

«Weisst du denn schon, was du an den Feiertagen kochst?»

«Nein, Gerda. Das hat ja auch noch etwas Zeit.» Ich schaue auf meine Uhr.

«Sag bloss das nicht! In letzter Zeit kann man zuweilen plötzlich etwas nicht mehr finden bei den Grossverteilern.»

Ich blicke auf die Kirchturmuhr. «Ich muss…»

«Weisst du, zum Beispiel Nelkenpulver. Das habe ich kürzlich nicht gefunden. Weder bei der Migros noch im Coop. Da waren nur noch die ganzen Nägeli zu finden. Oder letzte Ostern die Eier…»

«Ja, ja. Also, bis nächstens…»

«Oder WC-Papier. Wie vor dem Lock-Down…»

«Tschüss, Gerda.» Ich lasse sie stehen.

Sie ruft mir noch etwas nach. Tönt nach: Ich rufe dich nächstens an! Ich blicke nicht einmal zurück, winke aber mit der linken Hand über die Schulter. 


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