Neues von Frau Wunderlich

Konnte dann, weil ich einen Moment lang nicht Acht gab, der Claudia nicht mehr entwischen. Das ist vielleicht eine Nervensäge! Der eingebildete Kranke ist ein Kinkerlitzchen dagegen! Sie hat sämtliche Gebrechen der Welt! Gliederschmerzen, extrem starkes Nasenbluten, Kopfweh – oder war es Migräne? – Probleme mit der Verdauung, eine Kiefer-Verrenkung, Muskel- verspannungen, Morbus Ledderhose, nervöse Zuckungen, Gürtelrose, Psoriasis… Und das reicht nicht. Bei ihr treten immer noch Komplikationen auf. Und wenn sie dann Medikamente nimmt, garantiert noch Nebenwirkungen. Wenn du dich bemühst, ihr Tipps zu geben, lehnt sie diese kategorisch ab, weil sie behauptet, das schon ausprobiert zu haben. 

Ich schaffe es jedenfalls, nach kaum einer halben Stunde, eine Ausrede zu platzieren. Eile nun zur Kasse, wo ich mich knapp vor einem jungen Mann in die Warteschlange einreihen kann. 

«Könnte ich nicht…?», fragt er und hält mir seine Getränkeflasche unter die Nase.

«Entschuldigen Sie, ich war vor Ihnen.»

«Bitch!», sagt er, glaube ich, und eilt zu einer anderen Kasse. Einige Leute um mich herum grinsen.

Wie war das schon wieder? Ich grabe in meinen bescheidenen Englisch-Kenntnissen. Ach ja! Beach! Der Strand. Aber warum sagt er «Strand» zu mir? Wecke ich in ihm Ferien-Erinnerungen? Vielleicht hat er in seinem Urlaub eine nette Frau angetroffen. Am Strand. Und ich erinnere ihn an sie.

Lege nun die Artikel aufs Förderband. Oder meinte er Peach? Pfirsich? Na ja, ich trage heute einen orangen Mantel. Und habe mir entsprechendes Wangenrouge aufgetragen. Hat er erkannt, dass mein Gesicht jugendlich wie ein Pfirsich wirkt? Fühle mich so natürlich etwa zehn Jahre jünger. Vielleicht war es ja auch mein Parfüm: Bitter Peach von Tom Ford. Ist ihm der Duft in die Nase gestiegen? Lege den Abstandhalter hinter meine Ware, zahle mit einem Lächeln im Gesicht und bringe meinen Einkauf zufrieden in die Tiefgarage.


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