Aus der zweiten Reihe, Leistenbruch 10

«Leider sind im Moment alles unsere Leitungen besetzt», säuselt die Stimme. «Bitte haben Sie einen Moment Geduld oder versuchen Sie es später noch einmal.»

Ich vermisse die früheren Telefone, wo der Hörer mit einem Kabel mit dem Apparat verbunden waren. Da konnte man noch den Hörer auf die Gabel knallen. Heute bleibt dir nur der rote Knopf, den du entnervt drücken kannst. 

Warum das so ist? Eventuell, weil gerade eine Grippewelle am Anrollen ist. Oder weil alle kurz nach acht Uhr den Arzt anrufen. Weil vorher die Praxis nicht offen ist. 

Ach, du meintest etwas anderes! Was denn? Warum ich gleich so aggressiv werde, wenn etwas nicht funktioniert? Na ja, wir leben doch in der Schweiz. Da ist alles teuer. Dafür funktioniert doch alles. Oder mindestens das meiste.

«Leider sind immer noch alles Leitungen besetzt», meldet die Stimme. «Bitte haben Sie einen Moment Geduld oder versuchen Sie es später noch einmal.»

Habe keine Zeit, später nochmal anzurufen. Ich sollte JETZT in die Stadt, um die Einkäufe zu machen. Alle Sachen für meine Eltern – und für uns auch noch. Habe dafür extra einen halben Tag frei genommen, damit mir genug Zeit bleibt! «Es sind immer noch alle Leitungen…» Tut. Tut. Tut… 

Endlich erbarmt sich eine Frau und nimmt ab. Ich bringe mein Anliegen vor. Erkläre, was mein Vater braucht. 

«Wie ist das Geburtstagsdatum Ihres Vaters?»

Misstrauisch sind die auch noch! Ich schaue meine Mutter an. Sie steht neben mir und kontrolliert, ob ich alles richtig mache.

«21. Januar 1942», sagt sie. 

«Ich werde das Rezept vorbereiten», meint sie. «Doktor Weil wird es dann unterschreiben, wenn er übermorgen wieder da ist…»

«Moment! Ich brauche das Rezept sofort. Kann nicht ein anderer Arzt…»

«Sei doch nicht so ungeduldig», mahnt meine Mutter. 

«Aber Vater hat doch gesagt…»

«Vater hat doch die Packung gerade erst angebrochen, sie reicht gut und gerne noch zwei Wochen!»

«Soll Doktor Weil das Rezept nun ausstellen oder nicht?»

«Ja, bitte. Und schicken Sie es doch bitte gleich zur Schwanen-Apotheke.»

«Gern. Guten Tag noch…»


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