Aus der zweiten Reihe, Eigenschaften eines Staatsmannes 5

«Aber eigentlich gäbe es ja wichtigere Dinge zu besprechen auf der Welt», meint Heiner. «Vor allem, wenn einer vor der UNO-Vollversammlung spricht.»

«Welche Dinge wären denn wichtiger, als der hohe Anteil der Gefangenen in Schweizer Gefängnissen, die NICHT Schweizer sind?», fragt Kari.

«Warum eigentlich hat er nicht den Anteil von inhaftierten Frauen erwähnt, die auch nicht Schweizerinnen sind?», will ich wissen.

Heiner überlegt. «Na ja, er hätte ja auch erwähnen können, wie viele Schwarze in den USA niedergeknüppelt und ins Loch geworfen werden. Und wie viele Journalisten. Oder wie viele Latinos…»

«Immerhin hat er ja diesmal die Schweiz erwähnt…»

«Vielleicht hat er ja die Gefängnisse in Schweden gemeint?», kichert Kari. 

«Wie es wohl in den russischen Gefängnissen aussieht?» Heiner wird wieder ernster.

«Das willst du lieber nicht wissen. Da sitzen sicher viele Ukrainer. Und vielleicht noch ein paar Nordkoreaner, die fahnenflüchtig wurden. Aber die meisten Menschen dort werden Regime-Kritiker und -Kritikerinnen sein.»

«Hat er die nicht schon alle vergiften lassen?», sage ich.

«Pass auf, was du sagst», warnt mich Kari. «Seine Agenten sind überall. Und wen er einmal im Visier hat…»

«Ach was!», winkt Heiner ab, «der jagt lieber oben ohne Bären…»

Ich glaube, der Heiner steht wirklich auf Männer oben ohne. Unter dem Tisch schaue ich auf die Uhr. Schon zehn! Und morgen muss ich früh raus. 

«Also, Jungs. War ein brisanter Abend. Hoffentlich hat der Heiner keine amerikanischen oder russischen Wanzen im Haus!», sage ich. «Für mich wird’s Zeit.»

Kari grinst. «Du hast die chinesischen Wanzen vergessen! Vielleicht bekommst du Bonuspunkte im Erziehungsprogramm, weil du China nicht erwähnt hast!»

«Wenigstens weisst du da, woran du bist, wenn du die monatliche Abrechnung bekommst», sagt Heiner. «Na gut, Kollegen. Bis nächstes Mal. Ich wünsche euch noch eine angenehme Heimkehr.»


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