Aus der zweiten Reihe, Camping 6

Das Nachtessen ist hinter uns. Alle haben es mit Mühe hinuntergeschluckt. Und viel getrunken! Renate hat mit den Kindern den Abwasch gemacht. Und nun liegen alle mehr oder weniger zufrieden auf ihren Matten. Ich versuche, beim Bauern nebenan einige Äpfel zu kriegen. 

Der Bauer war gar nicht erfreut. Er kam mit einem Stock gelaufen, als ich die Äpfel vom Baum holen wollte. 

«Was machst du da? Das ist ein Privat-Grundstück! Verzieh dich, aber rassig!»

Ich bemühe mich, ruhig zu bleiben. «Entschuldigen Sie mich, mein Name ist Knorr. Ich brauche dringend ein paar Früchte. Könnten Sie mir helfen?»

«Das fehlt ja noch, dass ich Dieben helfe!», knurrt der Landwirt. 

«Ich wollte die Früchte nicht stehlen. Ist nur so, dass ich niemanden gesehen habe.»

«Darauf warten Diebe meistens», entgegnet der Bauer.

«Ich zahle gerne für die Früchte, Sie haben doch sicher eine Kasse bei Ihrem Hofladen…»

Der Bauer sieht mich jetzt mit etwas milderem Gesichtsausdruck an. «Na schön, meinetwegen. An welche Früchte hast du denn gedacht?»

«Äpfel, Birnen, Bananen, Aprikosen, … Was Sie halt so vorrätig haben.»

«Bananen!», der Bauer schlägt sich mit der Hand auf den Oberschenkel. «Glaubst du, die wachsen besonders gut im Voralpen-Gebiet?»

«Na ja, wäre schön gewesen, geht aber auch ohne.»

«OK. Aber ich verkaufe nur ganze Kilos.»

Nachdem ich mich mit ihm einigen konnte, schleppe ich vier Taschen mit Früchten zu unserem Zelt. Dafür ist mein Portemonnaie etwas leichter…

Sicherheitshalber bereite ich das Ersatz-Frühstück im Waschraum des Camping-Platzes zu, nachdem ich das versalzene Birchermüesli im Abfall entsorgt habe. Habe ich diesmal Zucker genommen und nicht Salz? Ich koste mit dem Finger. Stimmt. Ich fange an, die Früchte zu schneiden. Da kommt sie wieder, die Diabetes-Frau.  

«Guten Abend», sage ich. 

«Hallo», sagt sie und lächelt mich an. 

«Ist Ihr Zuckerspiegel wieder in Ordnung?», frage ich.

«Oh ja. Es geht mir gut. Aber beim Wandern kann es mir passieren, dass er ‘mal zu niedrig ist.»

«Dann können Sie gut damit leben?»

«Oh ja, kein Problem. Von Zeit zu Zeit messe ich, oder die App vom Handy meldet sich und erinnert mich daran.»

«Es freut mich, dass es Ihnen gut geht», sage ich und merke, dass ich rot werde.

«Ich finde gut, wenn die Leute über Diabetes Bescheid wissen», sagt sie. Dann geht sie weiter.

Ich schaue ihr nach. Meine Hand fährt automatisch vor, um ihr nachzuwinken. Dabei werfe ich die Zuckerdose um. Sie fällt ins Lavabo. Entsetzt versuche ich, möglichst viel davon zu retten. Aber etwa die Hälfte löst sich schnell im Wasser, das noch in der Waschschüssel war. Ich gebe einen Löffel Zucker zu den Früchten. 


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar