Aus der zweiten Reihe, Freizeit 9

Der Abend ist eigentlich perfekt – in den Augen meiner Frau. Das Essen wird von Nelly gelobt, der Wein wird von Gustav geschätzt und ich kurve meistens elegant an den Fettnäpfchen vorbei – weil ich sozusagen nichts sage. Es bleibt mir ja auch nicht viel mehr übrig, als mit Gustav zu sprechen. Die Frauen unterhalten sich blendend, sie kümmern sich selten um uns. Hin und wieder wirft Nelly die Haare zurück und lächelt zu mir hinüber. Ich glaube, sie ist froh, dass Gustav ein Opfer gefunden hat.

Das Gute an Gustav ist, man streut ihm ein paar Stichworte hin, er pickt sie auf und hält dann einen Monolog. Ich muss auch gar nicht viel dazwischen werfen. Er weiss eh alles besser als ich. Hin und wieder ein kleiner Widerspruch wie «Wäre es nicht besser, wenn…» oder «Meinst du nicht, dass…» genügt, um ihn wieder eine Viertelstunde schwatzen zu lassen. 

«Gustav, möchtest du noch etwas Nachschlag?»

«Äh, gerne, Renate.»

Nelly schaut ihn warnend an. «GUSTAV!»

Er blickt treuherzig zu ihr auf, wie ein Hund. «Jaaa?»

«Wir hatten doch eine Abmachung!»

«Nur ein bisschen…»

«So, wie ich Renate kenne, gibt es nachher sicher noch ein Dessert!»

«Nur ein kitzekleines…», beschwichtigt meine Frau.

Dieser Wackel-Dackel kriegt natürlich alles! Und Wein habe ich ihm auch nachgeschenkt. Und hinterher ein «Verdauerli». Wenn er etwas früher als geplant sterben sollte…

Endlich! Um 23 Uhr 30 gehen sie. Ich gebe dem angeschlagenen Gustav die Hand und klopfe ihm auf die Schulter. Dann umarme ich Nelly. Es fühlt sich angenehm an.

Als sie einsteigen, nimmt Nelly ihrem Gatten den Autoschlüssel weg. Vorsichtig setzt sie auf die Strasse zurück. Dann rollt der Van davon.

«Du umarmst sie einfach! Samt Küsschen!»

«Wen?»

«Tu doch nicht so! Wenn Gustav nicht wäre…»

«Dann hätten wir einen grossen Schwätzer und Besserwisser weniger!»

«Du bist doch verliebt in sie. Ich habe halt nicht lange, blonde Haare!»

Ich schüttle den Kopf. «Sie hat MICH umarmt, nicht ich SIE! Abgesehen davon hast du Gustav auch umarmt.»

Renate schnaubt. «Musste ich ja wohl, wenn ihr anfangt.»


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