Aus der zweiten Reihe, Freizeit 8

Schneiders kommen immer genau pünktlich. Weiss der Geier, wie die das schaffen. Wahrscheinlich warten sie hinter der nächsten Strassenecke. Wir sind immer zu spät! Das liegt an Renate. Die hat immer so lange, bis ihre Frisur sitzt. Oder es stört noch ein Härchen im Gesicht. Oder sie sucht den Lippenstift. Oder am Kleid stört sie «irgendwie»: Der Kragen stört sich mit der Jacke, die Knöpfe passen nicht zum Schal, die Strümpfe haben eine Laufmasche oder der Jupe ist nicht blickdicht. Oder die Unterhose darunter zeichnet sich ab. Sie stehen also punkt 20 Uhr auf der Fussmatte. Sie klingeln.

«Renate!»

«Mach doch schon auf, Schatz, ich komme gleich!»

Genau das befürchte ich: Wo soll ich jetzt mit den Gästen hin? Zuerst in die Stube oder gleich in die Küche? Als ich die Türe endlich öffne, will Gustav soeben das zweite Mal auf die Klingel drücken. Sein Zeigefinger ist auf meiner Bauchnabelhöhe.

«Guten Abend, herzlich willkommen!» Ich versuche zu strahlen, strecke Gustav die Hand hin und will dann Nelly die Hand reichen. Sie breitet aber die Arme aus. Ich fühle die kühle Haut ihrer Wange. Aus ihren Haaren weht ein zartes Parfüm zu mir. Küsschen, Küsschen, Küsschen… Dann sieht sie mich mit tiefgründigen Augen an.

«Ah, da seid ihr ja!», flötet Renate hinter mir. Als ich zurücktrete, wirft sie mir einen bösen Blick zu. 

Nelly fasst mich nochmals ins Auge. «Neues Hemd? Steht dir gut, diese Farbe!»

Gustav kichert. 

«Was ist?», frage ich eine Spur aggressiver als gewollt.

«Nun ja… das haben früher nur Sch…» Nelly hat ihn schnell auf den Fuss getreten, hab’ es genau gesehen. 


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar