Aus der zweiten Reihe, Wintersport 10

Was willst du? Ich berichte gar nicht über Wintersport? Aber irgendwie muss ich doch den Anfang machen! Alles erklären, wie es dazu kam! 

In der Wohnung schaue ich mich um. Zum Glück hat es im Wohnzimmer einen grossen Fernseher. Und eine Couch. Im Kühlschrank ist sogar ein Bier. Ich schalte also den Fernseher ein, fläze mich auf die Couch und mache mich bereit mit der Fernbedienung weiter zu zappen, falls mir ein Sender nicht gefällt. Auf SRF läuft ein Skirennen. Super! Jetzt fehlt nur noch eines für meine Genesung: Chips oder Erdnüsse. Ich finde in einem Kasten eine Tüte. Und hole aus dem Schlafzimmer noch eine Wolldecke. Der Tag ist gerettet. 

Das Rennen im TV ist ein Riesenslalom. Wenn der Moderator es nicht sagen würde, wäre es schwierig zu merken, dass es Frauen sind, die den Berg hinunterrasen. Gut, hin und wieder schauen Haare unter dem Skihelm hervor. Aber heutzutage gibt es ja auch Männer mit langen Haaren. Von oben beim Starthaus sieht man die Piste hinunter. Ich würde mich nicht wagen, da auch noch mit den Stöcken anzugeben! Steil fällt der Hügel ab. Und danach biegt die Piste abrupt nach links ab. Die Fahrerin fährt direkt auf die Stange zu und schiebt sie einfach zur Seite. Kein Wunder brauchen sie verstärkte Handschuhe, Beinschoner und einen Schutz vor dem Kinn. Ein Fight Mann gegen Material – Entschuldigung: Mensch gegen Material.

Es folgen Zwischenzeiten, hässliche Kratzgeräusche. Man sieht, wie die Ski der Fahrerin flattern. Und dann geht sie nochmals in die Hocke und über die Ziellinie. Diese Kraft! Wie sie jetzt die Hände in die Höhe reisst! Schnell den Ski vom Schuh und die Marke präsentieren! Auch auf der Mütze, den Handschuhen und am Oberteil sind Logos von verschiedenen Marken zu sehen. Dann im Hintergrund Banden mit der Werbung des Hauptsponsors. 

Schon blendet die Kamera beim Starthäuschen die nächste Fahrerin ein. Es ist offenbar eine Schweizerin. Kuhglocken ertönen. Auch sie stösst sich kräftig ab. Und verschwindet bald mit einer Schneegischt in der Kurve. Ich nehme einen kräftigen Schluck Bier und eine Portion Chips. Der Wintersport gefällt mir richtig – so auf dem Diwan. Zum Glück hat das Rennen erst vor kurzem angefangen. Ich freue mich schon auf das Interview. Da sieht man dann, wie hübsch die Fahrerinnen ohne Helm sind…

Am Schluss wird die Gewinnerin befragt. Ob es ein leichtes Rennen gewesen sei. Ob sie Fehler gemacht habe. Wie sie es geschafft habe, den Rückstand im oberen Teil wettzumachen. Wie viel sie im Verhältnis zu den Männern verdiene. Ob sie mit den Werbeeinnahmen zufrieden sei. Es stellt sich heraus, dass die Fahrerinnen immer noch weniger verdienen als die Männer. Die Werbeeinnahmen seien zwar besser als früher, hinkten aber immer noch hinter denen der Männer hinterher. Das kann ich nicht verstehen. Das sind doch alles sympathische, junge Frauen. Also ich jedenfalls…

Jetzt läutet doch mein blödes Handy. Wo habe ich es bloss? In meiner Jacke ist es nicht. Im Auto auch nicht, da könnte ich es ja nicht hören… Also wahrscheinlich in meiner Winterjacke. Und die hängt an der Garderobe. Mist, jetzt muss ich aufstehen, wo ich mich doch gerade eben erst eingerichtet habe. Und im Fernsehen kommt doch noch die Abfahrt der Männer! Mühsam richte ich mich auf. Mein Kopf beginnt wieder zu hämmern. Als ich die Garderobe erreiche, bricht das Gebimmel ab. Ich schaue auf das Display: Meine Frau! Achtung jetzt, Alter, dass du keinen Fehler machst! Ich gehe zuerst zurück zur Couch. Nehme einen Schluck Bier und stopfe mir Chips in den Mund. Dann noch nachspülen. Erst jetzt wähle ich die Nummer meiner Frau. 

«Ja?»

Ich räuspere mich zuerst. «Chrr! Was ist?»

«Wie geht es dir?»

«Du hast mich geweckt. Bin nach der Rückkehr sofort eingeschlafen!»

«Das tut mir leid. Denk daran, trink heute viel! Am besten Tee. Du findest ihn über dem Kühlschrank, im Kasten.»

«Ja, Schatz.»

«Und iss etwas Gesundes, Äpfel zum Beispiel!»

«Ja, mach ich.»

«Und was isst du zu Mittag?»

«Ach, mir ist nicht so nach essen. Vielleicht geh ich ins Dorf und kaufe mir ein Sandwich.»

«Besser wäre ein Salat. Und gesünder…»

«Ja, Schatz.»

«Hab dich gern. Pass gut auf dich auf!»

Endlich kann ich wieder vor die Flimmerkiste. Das Abfahrtsrennen der Herren hat schon begonnen. Und ich habe noch Zeit, mir Gedanken zu machen, wie ich ein Bier und die Chipstüte beschaffen kann, damit am Abend nichts auffällt! Am besten sorge ich schon für morgen vor. Vielleicht lässt sich ein geheimer Vorrat schaffen. Aber aufgepasst: Woher kriege ich eine leere Salatverpackung und benutzte Teebeutel?


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