Aus der zweiten Reihe, Wintersport 9

Am nächsten Morgen weckt mich meine Frau. «Aufstehen! Das Morgenessen ist fertig, und die Kinder wollen zum Skifahren!»

Ich mag heute nicht! Mein Kopf ruft mir in regelmässigen Abständen in Erinnerung, dass zu viel Licht in meine Augen drängt. «Nicht so laut, Schatzi!», krächze ich, «ich habe Kopfschmerzen.» 

«Sag mal, verträgst du neuerdings nicht einmal mehr vier Punsch?»

Vielen Dank! Jetzt erinnert sie mich auch noch an die Ursache der Kopfschmerzen! Ein übles, flaues Gefühl breitet sich im Magen aus. 

«Du musst dann auch noch das Auto vom Parkplatz holen, gestern sind wir ja zu Fuss nach Hause gekommen…»

Scheibenkleister! Ich setzte mich vorsichtig auf. Mein Blick fällt durch das Fenster nach draussen. Mindestens 30 cm Schnee sind gefallen. 

«Sieht super aus», findet meine Frau, «das gibt sicher tolle Schneeverhältnisse auf der Piste.»

Lustlos ziehe ich mich an. Bei der linken Socke stolpere ich und falle auf das Bett zurück. Am liebsten würde ich liegen bleiben. Aber aus der Küche ruft meine Frau: «Schatziii! Wo bleibst du so lange?»

Ich gehe lieber gar nicht ins Bad. Mag meine Visage heute nicht sehen. Ich stürze den Kaffee hinunter und nehme nur eine Scheibe Brot. Keine Butter, keine Marmelade heute. Dann mache ich mich auf den Weg zum Auto. 

Welches ist denn nun unser Auto? Meine Kopfschmerzen hindern mich am Nachdenken. Schliesslich fällt mir die Lösung ein: Ich muss ja nur den Schlüssel nehmen und das Knöpfchen drücken! Sanft leuchten schon die Blinklichter bei einem Auto durch die Schneedecke. Ich wische mit dem Ärmel den Türgriff frei. Dann bücke ich mich, um aus der Türablage Kratzer und Besen zu entnehmen. In diesem Augenblick fällt Schnee von der Dachtraufe in meinen Nacken. Ich erstarre. Weil Leute in der Nähe sind, kann ich knapp einen Schrei mit anschliessendem ausgedehntem Fluch unterdrücken. Ein Kinderlachen ertönt. Mein Kopf läuft dunkelrot an. Beinahe platzt mir der Kragen. ‘Die Kinder können doch nichts dafür’, denkt mein Kopf und: ‘Sie lachen vielleicht über etwas ganz anderes.’

Nun suche ich die Scheibenwischer und klappe sie nach hinten. Moment! Wäre es nicht klüger, jetzt schon den Automotor zu starten? Ich setze mich in den Wagen und starte den Motor. Als ich aussteige, sehe ich, dass schon einiger Schnee auf dem Fahrersitz liegt. Nun wische ich die Scheiben frei. Und die Scheinwerfer. Auf einmal steht ein Polizist neben meinem Auto. 

«Ich bin gleich so weit», sage ich.

«Wegen dem Motorlaufenlassen will ich heute ein Auge zudrücken», meint der Mann, «aber denken Sie daran, auch das Dach und die Kühlerhaube vom Schnee zu befreien! Und Sie sollten den Schaden vorne links möglichst bald beheben lassen, wegen der korrekten Beleuchtung.»

«Danke, Herr Polizist, das hätte ich beinahe vergessen.»

Er geht zum nächsten Auto, wo ebenfalls eine Wolke hinter dem Wagen entsteht. Endlich kann ich mich ans Steuer setzen. Mein Kopf hämmert. Unter meinem Gesäss breitet sich eine lästige Kälte aus: Der Schnee von der Dachkante! Ich fahre vorsichtig zu unserer Wohnung. 

«Wo bleibst du denn so lange?», jammert meine Tochter. «So können wir ja kaum mehr als erste Spuren in den Neuschnee legen!»

«Dass ihr mir ja auf der Piste bleibt!», befiehlt meine Frau.

«Aber es macht doch viel mehr Spass im Neuschnee», protestiert mein Sohn.

«Schatzi! Sag doch auch mal etwas!»

«Wenn ihr unbedingt Helikopter fliegen wollt, fahrt ruhig durch den Neuschnee!»

«Spinnst du eigentlich? Wir sind am Anfang der Ferien, und du willst, dass unsere Kinder einen Unfall haben?»

Ich fasse mir an den Kopf. «Nicht so laut! Ich weiss doch nur, dass sie auf mich nicht hören.»

«Also! Fährst du uns nun endlich zum Skilift?»

«Bin ja schon angezogen. Wenn ihr fertig seid, können wir gehen. Aber ich fahre heute nicht Ski. Ich habe Kopfweh!»

Als ich die drei abgeliefert habe, kehre ich in die Wohnung zurück.


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar