Es wurde Herbst. Den ganzen Spätsommer über hatte die Biene fleissig Nektar gesammelt. «Mehr!», riefen die Ammen der Maden jedes Mal, wenn sie – die Hosen voller Pollen – in den Bienenstock zurückkehrte. Und ein ums andere Mal war sie noch einmal ausgeflogen, bis es eindunkelte. Jetzt fühlte sie sich müde. Sie war nicht mehr in der Lage, so schnell wie früher zu fliegen. Und am Abend blieb sie nun etwas früher im Stock.
«Ihr wisst ja, wenn man sein Leben lang dient und Gutes tut», sagte der Kaplan jeweils am Sonntag in seiner Predigt, «dann geht man nach dem Tod in SEIN Reich ein. Lasst uns beten.»
Die Biene schloss jeweils andächtig die Augen. Und beim Beten sah sie vor sich den versprochenen Himmel: Blumen in allen Farben. Sie konnte sich gemütlich auf einer ausruhen, musste niemandem Nektar bringen und konnte die Seele baumeln lassen.
Was sie indes nicht verstehen konnte: Was passierte bloss mit dem Körper nach dem Tod? Sie hatte nämlich schon leblose Bienen am Boden liegen sehen. Sie hatte versucht, diese Körper anzustossen. Nichts war passiert. Und einige Tage später hatten Ameisen die tote Biene jeweils abtransportiert. Wie sollte sie im versprochenen Paradies von Blume zu Blume fliegen, ohne ihren Körper? Sie hatte den Kaplan gefragt.
«Du bekommst natürlich im Jenseits einen neuen Körper», hatte er geantwortet. Aber es war ihr aufgefallen, wie nervös er dabei von einem Bein aufs andere trat. Warum log er sie an?
Vielleicht war es so, wie eine Wespe einmal schrie, als sie sich im Spinnennetz verfangen hatte: «Jetzt muss ich zwar sterben, aber ich werde wiedergeboren. Und dann werde ich ein Vogel sein, der Spinnen frisst!» Vielleicht also würde alles wieder von vorne beginnen. Bloss ganz anders als erwartet?
Draussen fielen die letzten Blätter von den Bäumen. Es begann zu regnen, und der Wind pfiff durch die Bäume. Bald würden die ersten Schneeflocken fallen. Aber das konnte die Biene nicht wissen, sie lebte ja erst einige Wochen. Die Bienen rückten enger zusammen. Nach einigen Minuten ganz aussen in der Kälte durfte man an die Wärme im Innern. Bei dem ständigen Wechsel fiel es nicht weiter auf, dass die Biene plötzlich zu Boden fiel und liegen blieb. Es blieb ihr keine Möglichkeit, den andern zu erzählen, wie es nach dem Tod weitergeht.
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