Was sind Gedanken? Es sind Möglichkeiten. Erweiterungen. Irrgärten oder Fluchtmöglichkeiten? Träume oder grundlegende Ideen? Süsse Vorfreuden oder quälende Verfolger? Siegessichere Helden oder resignierende Hasenfüsse? 

Gedanken kommen geradlinig, analytisch und überzeugend logisch heute, aber morgen genauso wirr, absurd und sprunghaft. Sie wecken Assoziationen, die galaktisch entfernt liegen oder drehen sich im Kreis, ohne Notausgang. Morgens verstopfen sie die Ohren mit einer Melodie, die nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen ist. Mittags hat sich ein Geruch eingenistet, der die Erinnerung an etwas weckt, was einem partout nicht mehr einfallen will. Und abends glaubt man eine Szene nochmals vor sich zu sehen, die sich Jahrzehnte zuvor abgespielt hat. Aber wo nur schon wieder?

Gedanken kehren immer wieder zu den wichtigsten Stellen im Leben zurück. Sie suchen eine Lösung, bezweifeln Aussagen, hinterfragen Betonungen, interpretieren die Mimik, beobachten Gesten, lassen Lügen einfallen, erst kleine, dann Notlügen, und auf das wackelige Gebäude – zuoberst – die grossen Unwahrheiten. Wenn alles einstürzt, lassen sich die Gedanken von der Müdigkeit zudecken.

Die Gedanken sind frei! Selten so trocken und zynisch gelacht. Was sagst du zu schwarz? Aha, weiss! Zu Links? Nicht rechts? Oder zu Messer? Warum nicht Gabel. Jeder Gedanke, jedes Wort hat seinen Reiz, seine Reize sogar. Sie werden von benachbarten Nerven weitergereizt, bis ein Gedanke ausgereizt ist, bis der Anfang unkenntlich wird und ein neuer Reiz entsteht, irgendwo in diesen Millionen von grauen Zellen. Dass das nie stillsteht, wenn ein Mensch wach ist? Dass sich das einfach – meistens jedenfalls – ganz einfach zum Schlafen abschalten lässt? Dass das ganz selbstverständlich nach dem Schlaf wieder hochfährt, ohne Systemabsturz?

Was sind nun Gedanken? Wurzeln für Taten oder Henkerstrick für Untaten? Spinngewebe des Unterbewusstseins oder Fangnetze des Überichs? Wo bleiben die Gedanken, wenn sie fertig gedacht sind? Wer schreibt sie auf, protokolliert und fichiert sie? Wer trennt die guten von den schlechten und bösen, die süssen von den sauren und bitteren oder die erlaubten von den unerlaubten …

Oh meine Gedanken! Lasst mich nicht im Stich! Helft mir, diese Kolumne fertig zu schreiben!


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