Aus der zweiten Reihe, 1

Interview mit einem Durchschnittsbürger

Ja. Ich fühle mich wohl. Wohne nicht an der Hauptstrasse. Es gibt keine Zufahrt. Nur einen Abstellplatz. Knapp genug für einen Kleinwagen. Der Briefkasten daneben ist gut leserlich angeschrieben. Durch die Gartenpforte gelangst du zur Haustüre. Der Zaun wäre nicht wirklich nötig. Aber der Nachbar hat auch einen. Gut, der hat einen Hund. Er – also der Nachbar – hat mir den Gartenbauer empfohlen. „So ein Gartenhag ist nützlich“, meinte er. „Hast du keinen Hund, hast du vielleicht Kinder. Und er ist auch gut gegen Einbrecher.“ Behauptete er. Der Nachbar, meine ich.

Die Haustüre sieht aus wie in der ganzen zweiten Reihe. Mindestens auf den ersten Blick. Die Klingel ist ordnungsgemäss angeschrieben. Die Post verlangt ja Vorname und Familienname. Damit sie die Briefe und Pakete nach Vorschrift abliefern kann. auch auf den zweiten Blick sind alle Eingangstüren gleich: Türspion auf Gesichtshöhe, seit einiger Zeit Überwachungsanlage schräg oben. Und in der Nacht natürlich Licht. Wie bitte? Ha, ha! natürlich Kunstlicht! Da scheint die Sonne ja nicht! Und der Mond zu wenig zuverlässig. Erst auf den dritten Blick erkennst du den Unterschied zu andern Häusern in der Nachbarschaft: Die Hausnummer.

Ich gehe nicht vor. Also voran, meine ich. Sieh mal, das tust du ja eigentlich nie. Ich meine: Jeder hat Mutter und Vater, die gingen voran. Die zeigten dir, wie’s geht. Da hast du’s abgeschaut. Sprache, Bewegungen, Gefühle, Taktiken, was weiss ich: Werkzeuge, Haushaltgeräte, Instrumente. Macht ja niemand freiwillig! Später dann lerntest du. Da geht die Lehrerin voran, dann der Vorarbeiter oder die Ausbildnerin. Musst du ja immer gendergerecht aufschreiben, sonst giltst du als Chauvinist. Wie ist denn da die richtige weibliche Form? Egal. Später verliebst du dich. Zum Glück gab es Bravo, damit du vorbereitet warst. Und dann hat mir meine Frau gesagt, wie wir es machen. Der Chef – Was? Ja, ich weiss, es hätte auch eine Chefin sein können – also: Der Chef hat gesagt, ich soll mich nicht beklagen, bei ihm hätte auch die Frau die Hosen an. Und er muss es ja wissen, es ist schon seine zweite. Ja, seine zweite Frau, meine ich.

Ich sammle ja Münzen. Nein, keine Goldvreneli. Mehr so Gedenktaler. Ja, das hat schon mein Vater angefangen. Wie bitte? Mir ist es wohl im Verein. Nein, da habe ich keine Ambitionen. Ich will nicht in den Vorstand. An der Generalversammlung schaue ich, wie die andern abstimmen. Ob ich nie eine andere Meinung hätte? Nein. Und wenn, dann wäre ich wohl der einzige. Also der Vorstand macht es gut. Ich möchte nicht Kassier sein. Erst recht nicht Präsident. Nein, nein! Diesmal ist es korrekt. Ich bin ein Mann und gerne Mann. Da braucht es kein Gendersternchen! Ich war nicht im Militär, auch nicht bei der Militärin, haha! Hätte die sportlichen Anforderungen erfüllen können, aber meine Plattfüsse… War dann im Zivilschutz. Doch, da gab’s auch Frauen. Einige wenige, die sich verlaufen hatten! Die haben es den Männern gezeigt. Jedenfalls denen, die dumme Sprüche machen wollten. Ob ich mich engagiert habe? Natürlich! Ich wollte ja dem Vaterland dienen! Wurde da immerhin Blockchef. Der Walter – also der Orts-Chef – hat gesagt: Für das musst du nicht einmal nach Schwarzenburg, da kannst du alles im Kanton machen.


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