Innere Stimme

„Du steckt also wieder mal in der Tinte. Und da brauchst du natürlich einen, der dich rausholt. Und da fällt dir Gott ein, du faltest deine Hände, mindestens innerlich, und der solls richten. Am liebsten sofort, und sonst doch bitte möglichst bald.

„Siehst du den Laster da? (dröhnendes Horn) Er rast auf dich zu … Du bist nicht mehr sicher unterwegs. Da nützt kein Bremsen mehr, Junge. (quietschende Reifen) Das ist Physik. Da hast du gefehlt in der Schule? Na gut … (Stimme scheint zu überlegen, mitten im Kopf) Zum Glück gibt’s heute ABS, 4×4-Antrieb, Airbag … Aber die Trägheit bleibt, 40 Tonnen rasen auf der Gegenfahrbahn mit grellen Scheinwerfern auf dich zu!

„War ja nur eine Illusion, Junge, renk dich wieder ein! Kommt davon, wenn du zuviel trinkst (Flüssigkeit blubbert ins Glas, schäumt auf, es wird angestossen). Weisst du denn überhaupt noch, was du sagst? Kannst du noch denken, oder sinnst du nur noch drum herum? Was sagt deine Leber in wenigen Augenblicken, und was dein Kopf morgen? Wie soll ich dich da rausholen, wenn du alles in dich hinein leerst? Und wie willst du da noch mit deiner Karre heimkommen?

„Jetzt rauchst du auch noch eine! Schon wieder. Komm, gib mir auch mal einen Zug, so richtig tief inhalieren, vielleicht reicht es bis in die Seele, bis zu mir hinunter! Geht nicht? (erstickendes Husten, Keuchen) Hey, Mann! Was bist du für ein Weichei! Du solltest mal deine Lunge sehen, die steckt das locker ein: Braunschwarz, verklebt, von hunderten chemischen Substanzen vergiftet … Warum drückst du die Zigarette jetzt plötzlich aus? Ist ja noch gar nicht bis zum Filter geraucht. Gibt’s heute keine Kringel?

„Ihr Kaffee.“ (Kellnerin)

„Nun also das Mittel gegen das Schlafmittel. Hilft dir, nachher auf der Strasse die Mitte zu halten, der Mittellinie entlang, dann wieder zur Leitplanke. Säuert deinen Magen ein, hält dich wach, bis du in den Sekundenschlaf fällst. (LKW-Horn, quietschende Reifen) Ist ja gut, Junge, es ist ja nur Einbildung. Trink den Kaffee, löse den bitteren Seifengeschmack des Biers ab mit dem bitteren Schwarzbelag auf den Zähnen. Wann warst du übrigens das letzte Mal beim Zahnarzt?

„Die Visage passt dir nicht von diesem Kerl? Schaut er dich schief an, ärgert dich sein Grinsen? Hat er eine Freundin, die die gefallen würde? Warum ziehst du ihm nicht eine über die Rübe, mitten ins Gesicht? Hast wohl kein Messer dabei, oder eine Pistole?

„Du hast dir deinen Gott anders vorgestellt? Du hast gedacht, er verhindere deinen Blödsinn, hält dich zurück, wenn du ausrastest? Du denkst, er ist gewaltfrei? (Kichern, Kopfschütteln) Wie naiv du bist! Du kennst die Werbung, und merkst nicht, wie sie dein Grosshirn ausschaltet, dich auf ein Tier reduziert, deine Emotionen freisetzt. Du glaubst den Medien, die dir zeigen, wie du konsumieren sollst. Du siehst Gewalt und verwechselst sie mit Ansehen und Reichtum. Du übst Gewalt aus und verwechselst sie mit Ehre oder Mut.

„Du traust dich nicht allein, stimmt’s? Man müsste zuerst den links oder den rechts fragen. Vielleicht alle beide? Oder drück mal am Handy rum. Wenn ihr zu zehnt seid, könnt ihr es vielleicht wagen. Wenn er dann am Boden liegt, nochmals so richtig mit den schweren Schuhen zutreten. Oder brauchst du zuerst noch einen Schluck? (Laster-Horn, Auto-Quietschen) Nicht doch, Junge, ist ja nur ein Traum!

„Du stehst also in der Scheisse. Hast die Händchen schon schön gefaltet. Weisst du denn dein Sprüchlein? ‚Lieber Vater mach mich fromm, dass ich durch die Öffnung komm …‘ Was soll denn das jetzt? Bleib doch sitzen, wir sind noch nicht fertig! Ach so, du musst unbedingt mal … Kannst du denn überhaupt noch stehen? Halt dich doch fest (Stolpern, Hände, die sich irgendwo abstützen wollen, abgleiten, ein Glas fällt, zerbricht, Aufschrei) Die Treppe runter, Junge, die Treppe runter. Da um die Ecke! (Schlurfende, stolpernde Schritte) Nein, das ist für ‚Ladies‘. Bist zwar kein ‚Gentleman‘, aber geh da trotzdem rein.

„Deinen Reissverschluss suchst du? Bei dieser Hose? Junge, das sind Knöpfe! Nicht verzweifeln, man kann sie trotzdem ö-f-f-n-e-n! Oh, das war knapp. Ging gerade noch mal gut. Freilich daneben, aber immerhin nicht auf die Hose. Was solls! (Plätschern) Irgendjemand – nein: Irgendeine – wird es morgen putzen.

„Halt, Junge! Das ist nicht der Spülknopf! Nicht draufhauen, das ist ein Seifenspender. Oh je! Schon alles über die Hose. Echt, Mann! Nimm halt Toilettenpapier, Handtücher gibt’s hier nicht (Abrollende Klopapierrolle) „Nicht verzweifeln, Junge, bin bald zurück! (Kleine Pause, dann Rauschen wie bei einer Sendestörung im Radio, ein Aufprall)

„Echt, kann man dich keine Sekunde allein lassen? (Ärgerlich) Jetzt bist du zusammengebrochen, wegen lumpiger fünf Bierchen! Los, reiss dich zusammen! Was soll deine Mutter sagen zu der blutigen Schramme an deiner Stirne? Wisch das ab! (Abrollende Klopapierrolle)

„Nichts als Sorgen mit dir (Seufzer) Wasch dir noch die Hände. Ob die anderen noch da sind? (Horn, quietschende Reifen). Ist ja gut, Junge! Nimm nur eine Stufe aufs Mal, nicht dass du da noch runterfällst. Kleine Schritte! Langsam! So ist’s besser. 

„Wer löffelt also die Suppe aus, hä? Du denkst, wenn du betest, hast du sofort Gott an der Strippe? Hast du mal darüber nachgedacht, wie viele Leitungen da simultan nötig wären, bei sieben Milliarden Menschen? Da ist mindestens eine Vermittlung nötig. Und stell dir bloss die Wartezeiten vor … Nein, nein, ich will nicht über meinen Job meckern, aber hin und wieder eine Portion Ironie oder Sarkasmus muss wohl drin liegen.

„Halt, halt! Willst du so an den Tisch zurück? Wisch dir deine kaltschweissigen Hände zuerst noch an den Hosen ab! Hast du begriffen, dass es Zeit für dich ist, höchste Zeit? Nein, nein, dein Portemonnaie ist nicht in der Gesässtasche! Steckt mit dem Handy in der neuen Jacke. Nicht links, dort ist das Handy. Gibst besser eine Banknote, du kannst ja das Kleingeld nicht zählen in deinem Zustand. Kannst ruhig noch etwas Trinkgeld geben, für die gelbe Pfütze unten auf dem Klo.

„Und tschüss mal, alle zusammen! Die hören dich ja schon gar nicht mehr durch diesen Rauchdunst. Lohnt sich kaum, eine Ausrede auszudenken. Moment, was soll das? Willst du wirklich zur Hintertüre, zu deinem Wagen? Mach keinen Quatsch! Lass die Karre stehen! Findest doch hoffentlich den Autoschlüssel nicht, oder wenigstens nicht das Schloss! Komm schön brav, sei so gut, geh zu Fuss. Die zwei Kilometer schaffst du, dann bist du zu Hause und schon wieder etwas nüchterner.

„He, aber du weisst, was ein Trottoir ist, oder, du Trottel? Nein, halt! Nicht da rüber! Geh zum Fussgängerstreifen. Schön da lang. Und jetzt zum Feldweg. Ist weniger gefährlich. Was soll das? Siehst du den Absatz nicht? Achtung, der Stellriemen! Heb doch deine Füsschen etwas an, du Lulatsch! Geschafft! Endlich mit den Quadratlatschen von der Strasse runter. Zum Glück scheint der Mond … (Man hört Motorengeräusche von einem Laster aus der Ferne langsam näherkommen, neben den Ohren ein aufheulender Automotor. Laster-Horn, dann quietschende Bremsen und ein furchtbarer Knall)

„Das hättest du sein können, Lieber. Du bist echt immer im Dreck. Aber der da kommt nicht mehr draus heraus, der bleibt drin, glaub mir.

„Dieser Job ist mir langsam zu stressig. Kein tolles Game. Ich schaff einfach das nächste Level nicht mit dir. So langsam habe ich das Gefühl, ich sollte dich auch irgendwo reinkrachen lassen. Dann könnte ich mir einen anderen Avatar zulegen. Hör dir nur mal an, wie ich mich unterdessen schon ausdrücke! Na denn, da wären wir ja. Steck den Schlüssel ganz langsam ins Schloss, drehen, jaaa! Geschafft. Jetzt noch in die Kloschüssel reihern, zwei Aspirin schlucken, Zähne putzen … Neiiiiin! Sieh dich besser nicht an. Oder willst du dich nochmals übergeben? So, Kleider ausziehen … Nein, ich seh‘ auch sicher nicht hin, wer will das schon sehen? (Näselnd) Und duschen kannst du dann morgen früh. Mach schon die Augen zu und versuch das Karussell zu erwischen!

(Wieder normal) „Endlich! Computer runterfahren. Echt anstrengend, so ein bisschen Gott spielen. Warum sind diese Menschen nur immer in der Klemme? He, Gabriel! Gehen wir noch eins trinken? War heute echt ein stressiger Tag!

„Was denn? Ich sei nur ein Spielecharakter, den du erschaffen hast, Gabriel? Lass uns nicht wieder über Grundsätzliches diskutieren, Chef. Da hast du bei der Lektüre von Becket, glaube ich kritisch bemerken zu dürfen, wohl etwas völlig falsch verstanden …


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