Hugo trägt’s mit Fassung

Ich entdeckte das Bild beim Räumen meines Arbeitsplatzes. Es musste dort seit Monaten im Papierkorb meines Computers gelegen und wertvollen Speicherplatz belegt haben. Ich hatte es längst vergessen. Eine Nachlässigkeit, die mich schon viel früher hätte den Arbeitsplatz kosten können. Aber darauf kam‘s jetzt nicht mehr an. Der Chef hatte mir ja vor drei Monaten gekündigt, und heute war mein letzter Arbeitstag.

„Müller“, hörte ich ihn brüllen, „Sie haben kein Entwicklungs-Potential mehr. Sie arbeiten immer langsamer, statt schneller, Sie stellen unnützen Krimskrams wie Blumen und Fotos in Ihr Büro, Sie schreiben noch Notizzettel von Hand, Sie sind kurz gesagt ein veraltetes Modell und in meiner Firma nicht mehr tragbar. Kommender 30. Juni ist deshalb Ihr letzter Arbeitstag. Und jetzt rufen Sie mir doch bitte gleich den Meier!“. Damit überreichte er mir mein Kündigungsschreiben.

Aber ich wollte vom Bild erzählen. Es zeigt mich als jungen Erwachsenen in der Kantine. Um mich sitzen noch drei weitere Männer, deren Teller bereits leer sind. Sie grinsen zufrieden in die Kamera. Mein Teller ist noch halbvoll, während ich verzweifelt auf einem Stück Fleisch kaue. Natürlich fehlt auch nicht ein Bildtitel: „Hugo trägt‘s mit Fassung.“ Es war die Zeit, als man mit dem Zeitsparmodell begonnen hatte. Selbst in der Mensa waren die Maschinen aufgestellt worden, die jede Beschäftigung kommentierten. Zu Beginn war es üblich, dass sie alles positiv „spiegelten“. Bei mir hiess es dann z.B.: „Heute 20 g mehr gegessen“, „2 Würste mehr im November als im Oktober“, „Lachen breiter als am Montag“, weil ich sowieso immer der letzte war – ich ass langsam, denn meine Mutter hatte mir immer gesagt: „Hugo, gut gekaut ist halb verdaut!“. Mir war erst beim Essen bewusst geworden, dass diese Kommentare mich versklavten, mir Leistungen abzuverlangen versuchten, die ich gar nicht bringen wollte. Ich begann, nur noch Leistungen zu bringen, die mit Arbeit zu tun hatten. Und ich versuchte mich, gegen den Werbehagel der Maschinen, gegen die Ideologie der Leistungssteigerung zu wehren.

Aber ich merkte, wie ich mich von der Belegschaft ausgrenzte. Einige Zeit war ich stolz darauf und förderte mein Anderssein. Ich zog bunte Kleider an und hängte popige Bilder ins Büro. Ich trank selbstgepressten Orangensaft statt „Grey Bull“ aus dem Automaten. Eines Tages hatte ich das Bild gemailt bekommen. Absender war natürlich keiner dabei gewesen. Beim Betreff hatte es geheissen: „Wie lange noch?“, und offenbar war der Adressat „an alle“ gewesen.

Kurz nach diesem Freitag – ich glaube mich jetzt wieder erinnern zu können – begannen die Schikanen des Chefs. „Müller!“, tönte es aus dem Lautsprecher. „Sofort wegen Qualitätskontrolle zum Chef!“

Der Chef bemängelte nicht meine Arbeit. Er machte sich lustig. Er verhöhnte mich. „Sie haben es noch nicht begriffen, Müller“, erklärte er mir alle Woche etwa zweimal, „es ist nicht Ihr Auftrag, Ihre Arbeit auf Fehler zu überprüfen. Wir sind ein ISO-zertifiziertes Unternehmen. Die Überprüfung obliegt Ihrer vorgesetzten Stelle. Ihr Auftrag ist es, die Produktion zu erhöhen.“

„Aber wenn ich die Qualität auf meiner Stufe kontrolliere, sinkt der Ausschuss und schlussendlich produziert unsere Firma mehr, als wenn …“

„Interessiert mich nicht! Qualitätssicherung heisst für mich, dass die Arbeitsschritte eingehalten werden, ist Ihnen das klar, Müller? Dann ist die Zeit für unser wöchentliches Qualifikations-Gespräch abgelaufen, Sie können gehen.“

Das Ergebnis dieser Gespräche konnte ich jeweils auf dem Ausszug meines Lohnkontos erkennen: Jedes Jahr etwas weniger …

Die Automaten hatten überall Einzug gehalten: Im Lager wie im Büro, beim Kopierapparat wie bei der Kaffeemaschine, in der Garderobe wie im Lift, überall wurde man freundlich, aber bestimmt auf Einsparungsmöglichkeiten hingewiesen, womöglich gelobt, wenn nötig getadelt. Ich konnte mich noch an die neuen Toiletten mit Zielpunkt erinnern: Beim Urinieren hatte man das lächelnde Gesicht im Pissoir zu treffen, das die Menge, die benötigte Zeit und die festgestellten schädlichen Stoffe der Zentrale meldete. „Müller, Sie haben wieder vorbei gepinkelt“, rügte mich der Chef zwei Wochen nach der Einführung.

„Bestimmt nicht, Herr Direktor“, widersprach ich. „Ich mache mein Geschäft, egal ob gross oder klein, immer sauber in die Schüssel.“

Angewidert verzog der Boss sein Gesicht. „Sie haben den Smily mit Ihrem Strahl zu treffen, klar Müller? Der nächste bitte!“

Der Lohnabrechnung lag eine Begründung für einen erneuten Abzug bei: Zu hoher Vitamingehalt im Urin (vermutlich aus Orangensaft), zu lange Urinierzeit (Prostata-Untersuch und -Operation nötig?), unnötig lange Handreinigung (mehr als 30 Sekunden), Gesamt-Aufenthaltszeit pro WC-Besuch: Über 3 Minuten (Durchschnitt diese Woche 2:02).

Ich nahm meine Mappe unter den Arm. Mit einem letzten Blick streifte ich das Büro. Lange Zeit war es mein Arbeitsplatz gewesen, länger als 15 Jahre. Den Beginn machte ich motiviert in einem gut eingearbeiteten Team, am Schluss war es ein Müssen unter gestressten und deprimierten Einzelkämpfern gewesen. War der Neo-Liberalismus daran schuld, oder die Automation?

Beim Ausgang wäre ich fast in die Türe geknallt. „Sie haben Ihren Schlüssel noch nicht abgegeben, Sie können das Gebäude nicht verlassen“, erklärte mir eine freundliche elektronische Frauenstimme. Das hatte ich wirklich nicht bedacht, obwohl ich eigentlich nie einen Schlüssel brauchte, denn am Morgen kam ich nicht als erster, abends war ich vor dem Putzpersonal wieder draussen, und mein Büro verschloss ich sowieso nicht. Ich brachte also den Schlüssel noch zur Empfangsdame. Sie wirkte abgespannt.

„Na, strenger Wochenanfang?“, fragte ich.

„Beschissener Wochenanfang“, entgegnete sie. „Wir sollen ab nächstem Jahr gegen Roboter ausgetauscht werden. Die sind geduldiger, kosten weniger Geld und“ – sie verzog höhnisch ihren Mund – „sie geben nicht zurück!“

„Freundliche Menschen, die organisieren können, braucht es doch überall“, versuchte ich sie zu trösten, „hab heute übrigens den letzten; hier, mein Büro-Schlüssel.“

Sie erschrak. „Tut mir leid … was machen Sie denn jetzt?“

„Komme wahrscheinlich in ein Beschäftigungs-Programm, eine Umschulung, irgend so etwas.“

Sie zögerte. „War jeweils ganz nett, … Sie zu sehen.“

Ich errötete. „Ich … ich kam jeweils auch ganz gern hier vorbei.“ Ich schluckte. „Nun … diese Zeit ist nun vorbei.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück“, sagte sie.

Als ich durch die Türe ging, glaubte ich, ihren Blick in meinem Rücken zu spüren, aber ich sah mich nicht um.

Nun ja, nicht nur bei der Arbeit, auch zu Hause begann diese künstliche Intelligenz um sich zu greifen. Am Anfang im 20. Jahrhundert noch mit einfachen Symbolen: Der Staubsaugersack ist voll, wenn der Zeiger in den roten Bereich hochschnellt. Später mit den Kaffeemaschinen und ihrem Display begannen zaghafte Versuche einer Kommunikation: „Bitte Wasser auffüllen.“ „Bitte Kaffeesatzbehälter leeren.“ „Bitte entkalken.“ Bedankt hat sich das Ding nie! Im Auto dann die Navigations-Instrumente: Auf der Autobahn „Bitte rechte Spur benützen.“ „Bitte rechts abbiegen.“ Und bei bestandener Prüfung: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Beim Computer schon etwas weniger freundlich: „Toner wechseln!“ „Ein Update ist fällig!“ Am freundlichsten noch, wenn ein Update notwendig wurde: „Bitte alle Programme schliessen.“

Aber dann: Mein Staubsauger ist neuerdings mit KI ausgerüstet: Er erkennt selbständig, ob ich auf Parkett oder Teppich sauge, ob der Boden schwach oder stark verschmutzt ist. Und wahrscheinlich erkennt er, ob ich oder meine Frau das Gerät bedient. Neuerdings gibt er Geräusche von sich: Wohlig seufzend, wenn er Staub und Flusen fressen kann. Empört aufheulend, wenn ich am Schlauch reisse, weil er irgendwo verhängt ist. Keuchend oder fauchend, wenn ich vor der Türe Laub einsaugen will. Wenn das so weitergeht, beginnt er mit mir zu sprechen oder bei guter Laune zu singen! Könnte sein, dass er dann mit mir schimpft. Oder ‚Where are all the flowers gone…‘ trällert. Dann wird es Zeit, dass ich wieder von Hand wische und den Boden aufnehme…


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