War es Eistee?

„Erklären Sie mir bitte, wie es dazu kam!“

„Meine Frau sagte, ich hätte zu viel Zitrone in den Eistee getan. Es ist wesentlich, dass das Verhältnis der Zutaten stimmt. Ich habe im Internet die Angaben verschiedener Eistees studiert, und bin zur Einsicht gekommen…“

„Aber das hat doch nichts mit dem Delikt zu tun, weswegen Sie hier angeklagt werden“, seufzte der Polizist.

Der Mann gegenüber schüttelte gereizt den Kopf. „Die Vorgeschichte gehört dazu, glauben Sie mir.“ Er wischte mit dem Handrücken die Nase ab und rieb ihn an seiner zerrissenen Hose ab.

„Meinetwegen.“ Der Polizist lehnte sich ergeben in seinem Stuhl zurück.

„Guter Eistee besteht aus Schwarztee, Fruchtschalentee, einem Löffel Zucker pro Liter – nicht mehr! – und wenig – ich betone: wenig – Zitronensaft. Das versuchte ich meiner Frau ruhig zu erklären. Aber sie schaltete den Staubsauger ein und liess mich in der Küche stehen. Ich füllte den – noch heissen – Eistee in meine Trinkflasche, packte meinen Rucksack und warf die Türe hinter mir ins Schloss.“

„Sie verabschiedeten sich nicht?“

„Wozu?“. Der Mann zuckte mit den Schultern. „Sie hätte mich weder hören wollen noch hören können.“

„Sie gingen dann zum Open-Air-Konzert?“

„Richtig. Zu Beginn stimmte alles: fröhliche Leute, bewölkter, aber heller Himmel, fetzige Musik. Ich habe mein kleines Zelt aufgestellt und ein Sixpack Bier geöffnet. Sofort waren einige Jugendliche da. Wir haben getrunken und gelacht. Es lief das Stück ‚Till the End of my Tears‘, aber an die Gruppe kann ich mich…“

„Das tut doch nichts zur Sache“, unterbrach der Polizist unwirsch.

Der Mann reagierte ungehalten. „Wenn Sie mich ständig unterbrechen, kann ich mich nicht genau erinnern.“

Der Polizist seufzte erneut.

„Wir hatten gerade das dritte Bier geöffnet, als sich der Himmel verdunkelte. Wind setzte ein, und schon fielen die ersten Regentropfen. Es war 18:30 Uhr, mir wurde kalt…“

Sein Gegenüber verdrehte die Augen und klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch.

„Sie machen mich nervös. Ich kann mich so nicht konzentrieren“, reklamierte der Mann vorwurfsvoll. Er nahm einen Beutel aus seiner äusseren Brusttasche, legte ihn auf den Tisch und wollte aufstehen.

„Sitzen bleiben!“, befahl der Polizist und sprang auf.

„Ich will mir doch nur die Jacke ausziehen. Hier drin ist es verdammt heiss!“

„Ich dachte, Ihnen ist kalt?“, sagte der Polizist.

„Ja, mir WAR kalt, weil ich nass WAR. Aber jetzt bin ich trocken, und da ist mir HEISS!“

„Schon gut, ziehen Sie halt die Jacke aus.“

Der Mann zog die Lederjacke aus. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit Schriftzeichen, die der Polizist nicht entziffern konnte, die er aber der Metall-Szene zuordnete. Auf dem linken Unter- und Oberarm waren Tätowierungen zu erkennen.

Der Mann öffnete den Beutel und begann sich eine Zigarette zu drehen.

„Rauchen ist hier verboten“, erklärte der Beamte zuvorkommend.

„Fast alles ist verboten“, erwiderte der Mann und drehte weiter.

Der Polizist wollte einlenken. „Warum drehen Sie Zigaretten?“

„Um sie zu rauchen, hahaha!“, lachte der Mann, verschluckte sich und musste husten. „Natürlich weil Väterchen Staat zu viel Steuern auf fertige Zigaretten erhebt. Nun bin ich eben selbst Philipp Morris.“ Er grinste.

„Weiter!“, ermahnte ihn der Polizist.

„Es begann also zu regnen. Gegen sieben Uhr…“

„Ich dachte, es war 18:30 Uhr?“

Der Mann haute mit seiner rechten Hand auf den Tisch. Seine markanten Ringe knallten auf die Kunststoffoberfläche. „Ja doch! Um 18:30 Uhr fielen die ersten Tropfen, aber erst gegen sieben begann es RICHTIG zu regnen. Ich sagte den Jungs: Kommt doch rein ins Zelt. Wir hockten uns rein und tranken weiter. Aber wenn ich weitererzählen soll, brauche ich jetzt eine Zigarette.“

„In diesem Zimmer wird nicht geraucht.“

„Dann will ich in einem anderen Zimmer rauchen.“

„Im ganzen Gebäude herrscht Rauchverbot. Und Sie sind hier eines Deliktes angeklagt, Sie können nicht raus.“

„Dann schweige ich.“ Der Mann verschränkte die Arme auf seinem Bauch. Dieser senkte und hob sich gefährlich, so dass die aufliegenden Arme bei jedem Atemzug bis fast unters Kinn gelangten.

„Ich kann Sie doch nicht rauchen lassen, wenn es verboten ist. Versetzen Sie sich in meine Lage“, sagte der Beamte.

„Versetzen SIE sich in MEINE Lage“, antwortete der Mann. „Ich muss rauchen. Sonst fällt mir gar nichts mehr ein.“ Eine Pause entstand.

„OK, OK. Dann gehen wir auf die Dachterrasse.“

„Sie sind der netteste Polizist, den ich kenne.“

Der Beamte hob die Augenbrauen in einer Mischung aus Ärger und Verwunderung.

„Doch, doch, ich kenne einige, glauben Sie mir!“ Der Mann stand auf. Sie stiegen zum Dach empor. Draussen nieselte es leicht.

„Nun kann ich viel leichter erzählen“, sagte der Mann und blies den Rauch durch die Nase, kaum dass er die Zigarette angezündet und den ersten Zug genommen hatte. „Wir sassen also im Zelt. Der Abend ging zur Nacht über, eine neue Band trat auf, und schnell war es elf Uhr. Die Schauer hatten sich verstärkt. Unter-dessen regnete es Bindfäden. Schon tropfte es durchs Zeltdach. ‚Jungs‘, sagte ich, ‚wisst ihr was? Ich habe genug gehört, ich gehe heim‘. Ich stand auf und ging zum Ausgang. Sie fragten, ob sie mir helfen sollten mit dem Zelt. Aber ich sagte, ich würde alles stehen lassen, es würde sowieso alles dreckig und nass. Sie fragten, ob sie bleiben dürften, und ich schenkte ihnen alles.“ Er warf den Stummel über das Geländer.

„Kippen entsorgt man im Aschenbecher“, sagte der Polizist vorwurfsvoll. „Abgesehen davon haben Sie das Zelt nicht korrekt entsorgt, vom Abfall ganz zu schweigen…“

Der Mann klopfte ihm auf die Schulter. „Ja, ja, ihr Moralisten! Das wird über die Jahre zur Déformation professionel! Ich ging also nach draussen. Nach wenigen Augenblicken war ich nass. Ich hatte das Festgelände bereits verlassen, als plötzlich der Druck auf meine Blase zunahm. Ich wollte nochmals zurück und mich auf einer ToiToi-Toilette erleichtern, aber die Leute von der Securitas liessen mich nicht zurück, das Areal sei schon übervoll, hiess es.“

„Aber Ihr Eintrittsband…“

„Aufgeweicht, abgerissen, verloren… Ich ging also möglichst schnell zum Bahnhof. Da wollte ich ins Buffet. Aber man tat mir kund, dass schon geschlossen sei, ich könne nicht einmal gegen Bezahlung das Klo benutzen.“

Der Polizist schüttelte den Kopf.

„Nicht wahr? Unglaublich! Ich gehe also zum Bahnsteig 3 und warte auf sie S-Bahn. Ich trete von einem Fuss zum anderen. Endlich kommt der Zug. Ich rase durch die Wagons. Erster Wagen: Türe abgeschlossen. Zweiter Wagen: kein WC. Dritter Wagen: WC-Symbol leuchtet rot gestrichen. Vierter Wagen: WC-Symbol leuchtet rot. Der Kerl kommt und kommt nicht raus, wahrscheinlich einer ohne Billett. Oder das Klo ist auch gesperrt. Oder voll. Mein Urin drängt…“

„Weiter.“

„Ich muss noch eine Zigarette haben…“

„Na gut…“

Mit Bedacht streute der Mann Tabak aufs Papier, rollte es mit dem Filter und fuhr mit der Zunge über das Ende. Seine dunklen Haare glänzten kurz, als das Feuerzeug klickte.

„Schlussendlich weiss ich mir nicht mehr zu helfen. Ich entscheide mich, zwischen zwei Wagons zu pinkeln.“

„Sie hätten aussteigen können. Fast an jedem Bahnhof gibt es ein WC.“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Fast an jedem Bahnhof gibt es KEIN WC. Mindestens kein offenes. Entweder geschlossen um diese Zeit oder ganz gesperrt. Zudem war ich im letzten Zug. Wie hätte ich noch nach Hause kommen sollen?“

„Mit dem ersten Zug am Morgen?“

Der Mann schüttelte erneut den Kopf.

„Nach Hause gehen?“

„50 Kilometer?“

Hilflos zuckte der Beamte die Schultern.

„Ich trete also an die Stelle, wo zwei Wagons zusammengekoppelt sind, und erleichtere mich…“

Der Polizist schüttelte den Kopf. „Aber deswegen sind Sie ja nicht hier, da wären Sie mit einer Busse davon- gekommen.“

„Na ja, stellen Sie sich vor, wie viel Bier ich getrunken hatte.“ Ein Rülpser entfuhr dem Mann. „Pardon. Ich war also am Pinkeln, da stelle ich aus dem Augenwinkel fest, dass ein farbiger Kerl – nein, nein, unterbrechen Sie mich nicht, ich habe nicht das schändliche Wort gebraucht – sein Handy zückt. Ich denke noch nichts Böses und pisse weiter.

Plötzlich realisiere ich, dass der die Handy-Kamera auf mich gerichtet hat. Ich beende also mein Geschäft rasch und will den Reissverschluss hochziehen. Der klemmt. Ich renne dem Idioten nach, erwische ihn, bringe ihn zu Fall und will an sein Teil – ich meine das Handy. Und dann…“

„Die Passagiere sagten einhellig aus, ein Wüstling habe sich über den Afrikaner hergemacht.“

Der Mann schüttelte verzweifelt den Kopf. „Aber nein, auf dem Ding kann man sicher noch die Aufnahme sehen, die der Typ gemacht hat!“

„Tut mir leid. Das Telefon fiel bei Ihrem Angriff zu Boden. Es ist irreparabel, die gespeicherten Daten wurden dabei gelöscht. Abgesehen davon glaube ich Ihnen kein Wort. Ich muss Sie jetzt zurück in Ihre Zelle bringen.“

Als der Polizist in sein Büro zurückkehrte, öffnete er den Rucksack des Mannes. Er enthielt eine Thermosflasche. Der Beamte öffnete sie und roch daran.

„Eistee“, dachte er verwundert.


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