Australische Gedanken

„Come in!“, flüsterte eine raue Männerstimme. Ich sah mich um. Die Stimme war aus einem Souvenirladen gekommen. Neugierig trat ich ein. „Palya“, sagte ich.

„Netter Versuch. Bestimmt hat der Busfahrer, der wie ein Italiener aussieht, dir gesagt, du sollst es nicht wie im Prospekt abgedruckt aussprechen, sondern in einem Wort.“

„Woher wissen Sie das?“ Ich schaute mich im Raum um, ohne eine Person zu entdecken. Es wimmelte von Boomerangs, Digeridoos und Taschen in frechen Farben.

„Du kannst mich nicht sehen, nur hören. Die Guides wollen viel wissen. Manchmal geben wir ihnen eine Antwort auf ihre Fragen. Aber im grossen und ganzen verarschen wir euch Weisse.“

Im Shop gab es auch Krokodilschwanz-Enden, verkleinerte Strassen-Warnschilder von Kängurus, Koalas, Wombats oder Schnabeligeln und Kunstkarten, von Aborigines designed.

„Natürlich alles aus China oder Taiwan“, flüsterte die Stimme.

Ich sah durch die Ladentüre nach draussen. Da sassen einige Aborigines mit Flaschen, andere trugen riesige Taschen zu ihren verbeulten Autos. „Das sind nicht wir“, tönte es an meinem linken Ohr. „Das sind Schatten. Schau sie dir an: Trinken Schnaps aus der Flasche, rennen dem Plastic-Zeugs nach, hängen deprimiert und dumpf herum.“

Die Aborigines hockten im Schatten. „Arbeiten sie nicht?“

Ein grosser Seufzer. „Ach, ihr Europäer! Was heisst arbeiten? Wasser suchen, nach Wurzeln graben oder nutzlose Dinge produzieren?“

Ich schwieg. Über 20’000 Kilometer war ich nach Australien geflogen. Über 5’000 Kilometer war ich mit dem Auto gefahren. Ich meinte, Australien nun etwas zu kennen.

„Welches Australien?“, fragte die Stimme spöttisch. „Das britische Commonwealth-Australien, das amerikanisch angehauchte Farmer-Australien, das südafrikanisch scheinende Minen-Australien oder das nahöstlich vermarktete Dromedar-Australien?“ Ich merkte, dass mindestens etwas in der Aufzählung nicht mitgenannt worden war. Wie konnte ich etwas über die Aborigines erfahren? Im Info-Zentrum. Aber da stehen Weisse und geben einem Broschüren in die Hand. In Workshops. Aber haben Aborigines wirklich Acryl-Farben für ihre Höhlenmalereien? In einem Café. Aber sitzen Aborigines da und wollen Small-Talk machen?

„Ich könnte dich in mein Dorf einladen. Genau wie bei dir gibt es auch hier ein „Aber“: Willst du wirklich etwas von uns lernen? Es macht keinen Sinn, dich einzuladen, wenn du nichts lernen willst. Ihr Europäer meint immer, alle anderen sollten von euch lernen.“

Ich dachte nach. Es war schön, Australien zu entdecken. Die Lockerheit, die wir bei vielen erlebten. „No worries!“ war die ständige Versicherung. Auch die Freundlichkeit war toll. „How are you?“ Und schon war ein Anlass gegeben, um über etwas zu sprechen.

Auf der anderen Seite diese Fracht-Strassenzüge, 55 Meter lang und bis zu 150 Tonnen schwer, Lastwagen mit drei Anhängern, die das Rote Zentrum und seine Touristen mit Nahrung und Konsumartikeln versorgten. Und den Abfall wieder nach Adelaide karrten.

„Noch nie etwas von natürlichen Kreisläufen gehört“, höhnte die Stimme.

Was könnte ich von den Aborigines lernen?

„Wohl bei den Guides zu wenig zugehört?“

Stimmt! Die erklärten uns, aus welchem Baum Mann die Pfeilspitzen macht, damit das verwundete Tier schnell ermüdet und verendet. Und aus welchem Strauch die Speere, weil dessen Holz hart und doch geschmeidig ist. Oder unter welchem Busch Frau mit Klopfen feststellt, ob proteinreiche Raupen darunter leben. Oder welche Pflanzen gegen Durst und Sonne helfen.

„Hast du alle Pflanzen fotografiert und die Namen gelernt?“, fragte die Stimme lauernd. „Wenn nicht, wie willst du dann hier überleben? Z.B. wenn schon nur eine Woche lang kein Nachschub kommt, weil die Strasse überflutet ist? Woher nimmst du dann über 3 Liter Wasser pro Tag? Was isst du, wenn du schon nicht einmal ein Tier in der Wildnis entdecken kannst?“

„Heute sah ich eine Stabheuschrecke“, antwortete ich trotzig.

„Ja, aber nur, weil eine Aborigines-Frau sie dir gezeigt hat!“

Beschämt senkte ich den Kopf.

„Was sollen wir euch lehren?“, wiederholte die Stimme. „Aus allem, was wir euch mitteilen, versucht ihr Profit zu schlagen. Aus Höhlenmalereien macht ihr nutzlose Wandbehänge und Tischdecken. Unsere Heiligtümer werden fotografiert und auf Ansichtskarten und Kalendern gedruckt. Sogar die Namen, die wir erfanden, werden für esoterischen Krimskrams missbraucht. Oder noch schlimmer: Ihr gebt den Dingen eure Namen! Ayers Rock! Es ist unser Berg. Und er heisst Uluru!!!“

Ich dachte nach. „Man könnte doch bestimmte Sachen mit schriftlichen Verträgen regeln.“

„Man könnte Löcher mit Luft füllen… Man darf nicht auf den Uluru klettern, weil wir darum bitten. Man darf nicht auf den Uluru steigen, weil es zu heiss ist. Oder weil, wenn es ausnahmsweise einmal geregnet hat, der Stein rutschig ist. Steigt deshalb niemand hinauf?“

„Das sind Ausnahmen, Idioten, die sich über alles stellen.“

„Mag sein. Hast du sie gezählt? Hat dir der Guide erzählt, was wir mit ihnen täten?“

Der Führer hatte berichtet, dass es eine Pflanze gibt, deren Saft blind machen kann. Wenn ein Aborigines wirklich etwas Schlimmes verbrochen hatte, musste er dieses Mittel nehmen – wie Sokrates den Schierlings-Becher.

„Aber ihr könntet die Dinge doch selber in die Hand nehmen, selber vermarkten…“

Ich spürte ein Kopfschütteln.

„Wir wollen nicht reich sein, keinen Besitz haben. Es ist schön und gut, eine eigene medizinische Versorgung zu haben. Aber es ist auch wichtig, dass wir als Lebensgemeinschaft unter uns sein können, ohne viel Kontakt nach aussen. Das Wichtigste ist für uns Tjukurpa…“

„Das Gesetz, sozusagen eine Bibel…“

Kann man Augenrollen hören? „Ihr Weissen! Wenn es nach euch ginge, müsste alles aufgeschrieben werden! Gesetzbücher, aber trotzdem übertritt jeder von euch ständig irgendwelche Gesetze. Nicht einmal an die Bibel oder an die zehn Gebote hält sich irgendwer! Du musst nicht aufschreiben, wie man gut leben muss, du musst gut leben! Und das heisst üben, üben, üben. Nur was du verinnerlicht hast, kann gut werden.“

„Tönt nach Militär-Drill.“

„Das tönt nach überleben“, berichtigte die Stimme. „Hier in der Wüste kann man sich keine Fehler erlauben. Da gibt es keinen Blechschaden, wenn du mich verstehst.“

„Aber…“

„Wir erzählen den Kindern, was wichtig, gut, erlaubt ist. Jedes und jede von uns, was der entsprechenden Person erlaubt ist. Frauen dürfen nichts mit dem Gebirge Kata Tjuta zu tun haben, hat man dir erzählt. Du schreibst es auf, dann vergisst du es. Irgendwann. Weil es dir nur einmal erzählt wurde. Schrift löscht das Gedächtnis. Schrift ist sinnlos“, ereiferte sich die Stimme. „Und deshalb gehört auch nicht auf Millionen von Tischtüchern, Wandteppichen und Taschen, wie viele Wasserlöcher es vom Uluru zu den Kata Tjuta an Weges sind!“

„Aber den Leuten gefallen diese Muster. Sie sind eine Augenweide.“

Die Stimme wurde jetzt richtig zornig. „Es mag euch gefallen. Aber wenn ihr Muster wollt, so lasst euch selbst etwas einfallen, malt es selbst! Verlasst euch nicht auf andere, nehmt das Leben selber in die Hand! Wie bist du hierher gekommen?“

„Mit dem Flugzeug und dem Bus.“

Grosses Lachen. „Da waren hunderte von Menschen dafür nötig! Und da ist die Produktion und die Energie noch nicht einmal dabei!“ – Ein Seufzen. „Hier könntest du kaum einen Tag überleben, die Energie würde dir schnell ausgehen!“

Aus dem gekühlten Laden tretend schlug mir eine heisse Wand entgegen. 45° hatten mich völlig erledigt, ich hatte mich hinsetzen und danach eine Flasche Wasser kaufen müssen.

„Und denk daran“, rief mir die Stimme nach, „es ist nicht das Land der Weissen – es ist unser Land!“


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