Die Taube ärgert sich. Schon seit langem. Dieser blöde Kuckuck! Alle Menschen mögen ihn und sein bescheuertes „Kuckuck“! Sie schauen nach, ob sie Geld im Sack haben und glauben, dass ER ihnen Glück bringt. Sie zählen die Anzahl „Kuckuck“-Rufe und glauben, sie werden so alt, so oft er ruft.
„Ruke-di-ku!“ ruft die Taube. Es soll ähnlich tönen, wie der Kuckuck. Aber sie schafft es nicht. „Ruke-di-ku!“, ruft sie erneut. „Schaut her! Ich habe eine schöne Halskette um die Kehle! Deshalb heisse ich Ringeltaube. Sieht mein Schmuck nicht besser aus als dieser simple Kuckuck?“
Aber die Menschen hören auf den Kuckuck. Sie wissen nicht, dass das Kuckuck-Weibchen ein Ei aus dem Gelege eines Sumpfrohrsängers entfernt. Und dann ein eigenes Ei ins Nest legt. Die Menschen wissen nicht, dass der kleine Kuckuck meist zuerst schlüpft und die anderen Jungen brutal aus dem Nest wirft. Sie wissen nicht, wie sich die Sumpfrohrsänger mühen müssen, das viel grössere Kuckucks-Junge zu füttern.
„Ruke-di-ku!“, ruft die Taube und küsst den Täuberich. Wenigstens sollen die Menschen sie „Turteltaube“ rufen. „Was willst du?“, fragt der Täuberich misstrauisch.
„Ich liebe dich!“, säuselt die Taube und küsst ihn erneut.
„Ohne Hintergedanken?“, fragt der Täuberich erstaunt.
Sie schweigt, denkt an die dummen Menschen und küsst den Täuberich erneut.
Endlich überzeugt schnäbelt er zurück.
„Wenigstens bleibt uns Aschenputtel: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen…“, denkt sie.
Man sollte diesen Kuckuck aus dem Wald verbannen. Aber wie?
Die Taube klagt ihr Leid empört dem Spatzen Matz.
„Ich weiss nicht, was du hast“, meint Matz. „Sei doch zufrieden. Immerhin hat man dich als Tier des Friedens gewählt.“
„Schon“, antwortet die Taube, „aber der Farbkleckser Picasso hat mich nicht einmal um Erlaubnis gefragt. Er hat meine Persönlichkeitsrechte mit Füssen getreten, ich meine mit Farbe beschmutzt!“
„Was erwartest du denn von den Menschen? Die sind halt so: egoistisch und auf Profit bedacht!“
„Es geht ja nicht vordergründig um Menschen, sondern um den Störefried Kuckuck!“
„Zum Kuckuck mit ihm“, grinst Matz.
„Nein, ins Pfefferland“, knurrt die Taube gurrend.
„Und was soll ICH denn sagen“, sagt Matz. „Die Menschen beleidigen mich!“
„Wie denn?“
Der Spatz zwitschert aufgeregt: „Das fängt an mit „frecher Spatz“, obwohl wir alle scheu und zurückhaltend sind. Und wir sind sehr sauber“, ergänzt er, „aber alle Welt schimpft uns „Dreckspatz“!“
Die Taube seufzt. „Wir werden von überall vertrieben. Die Menschen montieren Stacheln an Gebäuden, Balken und in Unterführung, an Denkmälern und Perrondächern. Sie sagen, wir scheissen überall hin, dabei halten wir unsere Nester peinlich sauber!“
„Wenn’s ums Essen geht, servieren die Menschen „Suppe mit Spatz“, weil es wenig und schlechtes Fleisch im Gericht hat“, beklagt sich Matz.
„Gestern habe ich einem Mann zugehört“, erzählt die Taube. „Er hat zu einem andern gesagt: „Schau, da ist unser Nachtessen“, als er mich gesehen hat. Schnell flog ich weg, ich wollte nicht in einem Kochtopf landen.“
Matz nickt. „Wenn ein Mensch so wenig Verstand hat, sagen die Leute, er hat ein „Spatzenhirn“. Auch da werden wir beleidigt. Obwohl wir zu den klügsten Vögeln gehören.“
Die Taube schweigt.
Es wäre unhöflich zu sagen, dass natürlich SIE die klügsten Vögel sind.
„Die Menschen sagen, wir machen zu viel Lärm. Aber wenn man so weite Strecken fliegt, hat man sich danach viel zu erzählen und muss Neuigkeiten austauschen. Das braucht seine Zeit.“
„Oh ja, das kennen wir Spatzen auch: Hier ein Gespräch vor dem Haus, da ein Tratsch hinter dem Haus, dann ein Geheimnis neben dem Haus… Und schon behaupten die Menschen, dass wir uns ständig zanken…“
Die Frau von Matz kommt dazu, hört zu.
„Aber zurück zum Kuckuck…“, sagt die Taube, „findest du nicht auch, dass man ihn aus der Vogelwelt ausschliessen sollte?“
„Zum Kuckuck nochmal! Was hat er dir denn getan?“, fragt Matz. „Wenn sich der Sumpfrohrsänger beklagen würde, das könnte ich verstehen.“
Empört widerspricht die Taube: „Es geht doch um die Vogelehre: Vögel bauen ihr Nest selbst, ziehen ihre Brut ohne Hilfe auf, lehren sie fressen und fliegen!“
„Tun wir Vögel das?“, überlegt Matz. „Also meine habe ich zwar gefüttert, aber fliegen haben die selber gelernt. Und ein paar Tricks von ihren Kollegen.“
„Gut, das mit dem Kacken auf die Wäsche hat Matz ihnen gezeigt“, ergänzt die Spätzin.
„Das war, weil ein Menschenjunge mit der Steinschleuder auf ihn geschossen hat“, verteidigt sich Matz.
„Aber das mit dem Kuckuck…“, beginnt die Taube einen weiteren Versuch.
„Dann gibt es noch etwas, was ich gar nicht verstehe. Aber vielleicht könnt ihr Tauben euch einen Reim darauf machen. Ihr seid ja nicht auf den Kopf gefallen…“
Die Taube drückt stolz ihre Brust heraus.
Matz fährt weiter: „Ich habe da einen Menschen sagen hören: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.“ Da komme ich nicht draus. Ich habe noch keinen Menschen mit einem Spatz in der Hand gesehen. Wir sind doch viel schneller als eine Menschenhand.“
Die Taube ist ratlos. „Macht ihr jetzt mit beim Vorschlag, den Kuckuck aus der Vogelwelt zu werfen?“, fragt sie stattdessen.
Matz berät sich mit seiner Frau. Sie zwitschern wild durcheinander. Schliesslich meint Matz: „Frag doch zuerst noch die Finken. Wenn die mitmachen, sind wir auch dabei.“
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