Wir werden uns bald wiedersehen
Er lag vor mir, wie sonst, doch irgendwie wächsern. Seltsam, wie ein bekanntes, bewegungsloses Gesicht plötzlich fremd wird. Noch vor sechzehn Stunden hatte ich mit ihm gesprochen, noch gestern hatte er daran geglaubt, die tödliche Krankheit besiegen zu können. Zum Abschied hatte er den Satz gesagt. Optimismus war immer seine Stärke gewesen. Er hatte mit einem Lächeln und leuchtenden Augen gesprochen, selbstsicher wie immer. Mit aufrechtem Körper, nur ein wenig behindert von den Infusionen, hatte er dagelegen. Ich hatte ihn erst vor einigen Monaten kennengelernt, trotzdem war er mir wie ein älterer Bruder vertraut, ich glaube gar, dass ich nahe daran war, seine Gedanken lesen zu können. Natürlich muss ich zugeben, dass er auch mich sehr gut kannte.
Er lag also vor mir, der Körper wirkte müde. Seine rechte Hand lag, leicht geöffnet, neben der Stoffwölbung, unter welcher der Körper verborgen blieb. Es war, wie wenn er mir die Hand geben wollte. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und musste über die Haut fahren. Sie fühlte sich kalt aber weich an. Ich drückte die Hand wie zum Gruss. Es fiel mir ein, dass in Filmen immer irgendwer den Toten die Augen zudrückt. Aber seine Augen waren schon zu, er war ja sanft entschlafen, wie es jeweils in Todesanzeigen zu heissen pflegt.
Schritte ertönten im Gang. Erschrocken zog ich meine Hand zurück. Die Geräusche verhalten, ohne dass jemand eintrat. Ich stand auf, wendete mich vom Toten ab, ging zum Lavabo und wusch mir sorgfältig die Hände. Eigentlich wollte ich mir einen Text für eine Todesanzeige unseres Vereins ausdenken. Doch plötzlich war dieser letzte Satz wieder da. Es war, wie wenn durch die Berührung des Toten die Klangfarbe in meiner Erinnerung verändert worden wäre. Der Satz war plötzlich nicht mehr neutral, sondern ganz persönlich. Auch dünkte mich plötzlich, seine Augen hätten ein heimliches Glitzern gehabt.
Durch die Augen hindurch sah ich auf eine Projektionswand, eine romantische Insel in der Karibik, untergehende Sonne und im Winde wiegende Palmen. Ich lag auf einer Sonnenliege, neben mir stand ein Tischchen mit Apéro-Getränken. Er kam auf mich zu. Seine schwarzen Locken fielen ihm in die Augen, er beugte sich über mich. „Ich kenne dich doch gar nicht“, wehrte ich mich. „Aber du lernst mich doch gerade jetzt kennen!“ entgegnete er. Um Zeit zu gewinnen, wollte ich ihm die Haare aus dem Gesicht streichen.
Erschrocken nahm ich die Finger vom Gesicht des Toten. Erneut liess ich Wasser über meine Hände laufen. Ich wagte nicht in den Spiegel zu sehen. Hatte mich der Tote geliebt? Ich war ja viel jünger, hätte fast seine Tochter sein können. Hatte ich je mehr als freundschaftliche Gefühle für ihn empfunden? Ich hatte mir nie vorgestellt, wie er auf mich wirkte. Allerdings war er mir immer sehr sympathisch gewesen.
Wieder schoss mir sein letzter Satz durch den Kopf. Hatte da nicht ein drohender Unterton mitgeschwungen? War nicht ein Funkeln in seinen Augen gewesen? Ich sah mich mit meinem Freund die Strasse hinuntergehen. Er war mir entgegengekommen, hatte mich mit meinem Freund gesehen, dem Freund, von dem meine Familie nichts wissen wollte, nichts wissen durfte. Er hatte gelächelt, und ich hatte gedacht, dass er mich verstehe, dass er unser Glück verstehe. War er im Begriff gewesen, eine günstige Gelegenheit abzuwarten, in der wir allein gewesen wären, um mich zu erpressen? War er eifersüchtig auf meinen Freund? Wollte er meinen Freund ausschalten?
Ich zog langsam seine Nachttischschublade auf. Ich musste es wissen! Lag irgendwo ein Schreiber, ein Notizblock, ein zerknüllter Zettel? Es war nichts zu finden. Seine linke Hand! Mir fiel ein, dass seine linke Hand unter der Decke lag. Sorgfältig hob ich die Decke an, zog sie zurück, bis die linke Hand sichtbar wurde. Die Handfläche zeigte nach unten. Ich drehte sie behutsam. Nichts.
Wieder wusch ich mir am Lavabo die Hände. Sein letzter Satz. Glasklar tönte er, voraussehend. Der Ton und seine Augen trafen mich wie ein Blitz: Er hatte, schon fast dem Leben entrückt, in die Zukunft gesehen, hatte dort meinen Tod erblickt. Ich schaute in den Spiegel. Eingefallene Wangen, müde Augen und eine gebückte Haltung. War ich denn viel besser dran als er? Unsinn! Bald ist relativ. ‚Ein paar Jährchen hab‘ ich sicher noch zu leben, wenn nicht sogar ein paar Dutzend!’, sagte ich mir. Aber das Gedächtnis wiederholte den Satz immer wieder, und mir war, er habe das „bald“ betont, wenn auch kaum hörbar. Auch schien mir, wenn ich mich recht zurückerinnerte, er habe mich durchdringend angeblickt und ganz eigenartig auf den Stockzähnen gelächelt.
Ich drehte mich vom Spiegel weg. Mir wollte nicht mehr einfallen, ob ich die Hände schon gewaschen hätte oder nicht, und erst an der feuchten Seife wurde mir klar, dass ich zum Nervenbündel geworden war. Sorgfältig trocknete ich mir die Hände mit Papiertüchern.
Es ist schrecklich, wenn man weiss, dass man nicht mehr lange zu leben hat. Ich wollte aus dem Zimmer, aber dann bemerkte ich, dass der Kopf des Toten auf die Seite gefallen war. Eine Haarsträhne lag über seinem linken Auge. Ich wollte sie zurückstreifen, doch traute ich mich nicht, den Toten nochmals anzufassen. Der Mundwinkel hatte sich leicht geöffnet, wie wenn er nochmals etwas sagen wollte. Es war richtig unheimlich, doch hatte ich schon gehört, dass bei eintretender Totenstarre sich die Gesichtszüge verändern können. Trotzdem glaubte ich, nochmals den Satz zu hören. Ich konnte die Stille nicht mehr länger ertragen, ich wollte nicht mehr allein sein. Ich wusch mir die Hände nochmals und verliess das Zimmer. Ich eilte aus dem Haus, sah mich um wie ein Verbrecher, aber erst im Zug fiel mir ein, dass ich die Türe nicht geschlossen haben könnte.
Hatte mein Freund mich mit AIDS angesteckt? Sollte ich bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen? Würde mich ein fallender Gegenstand umbringen? Die ganze Nacht verbrachte ich unruhig mit solchen Gedanken. Noch im Schlaf noch hörte ich den Toten aus der halboffenen Türe schreien: „Wir werden uns bald wiedersehen!“
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